Samstag, 18. März 2017

Kein strahlender Held

Erdogan ist der Mann, der die Türkei wirtschaftlich stark gemacht hat. So sehen ihn viele Türken, und auch in Deutschland gab es so manchen, der hoffte, die AKP würde sich als eine Art "islamische CSU" herausstellen.

Für die ersten Jahre seiner Amtszeit mag das Bild vom wirtschaftsfreundlichen Recep Tayyip Erdogan zutreffen. Doch in letzter Zeit lässt sich das nicht mehr behaupten.

Vor allem die Einkommensentwicklung der Türken lässt stark zu wünschen übrig. Seit der Finanzkrise haben sich die Gehälter preisbereinigt nirgendwo so schlecht entwickelt wie in Reich des AKP-Politikers.

Real verdient ein türkischer Beschäftigter heute ein Drittel weniger als 2008. Besonders hart trifft es die ungelernten Arbeiter und einfachen Angestellten. Sie müssen sich mit einem um 40 Prozent niedrigeren Lebensstandard begnügen.


Quelle: Korn Ferry, eigene Recherche


Das Jahr von Erdogans Verfassungsreferendum hat ökonomisch alles andere als gut begonnen. Mit zehn Prozent Inflation ist die Geldentwertung in der Türkei höher als in jeder anderen großen Volkswirtschaft. Da bieten die Lohnsteigerungen nur mageren Ausgleich.

Offiziell wird das Wirtschaftswachstum zwar mit passablen drei Prozent ausgewiesen, aber eine Arbeitslosenquote von 13 Prozent deutet darauf hin, dass sich die Situation der Bevölkerung auf absehbare Zeit nicht nennenswert bessern wird.

Ob das für 2017 veranschlagte BIP-Plus von 2,8 Prozent noch zu erreichen ist, scheint nach dem Einbruch der Frühbucher-Zahlen fraglich. Und auch der Einbruch der LKW-Verkäufe deutet auf eine schwächere Konjunktur.

Da geht es den Türken in Deutschland besser, obwohl sie als Bevölkerungsgruppe mit relativ hoher Arbeitslosigkeit und schlechter Integrationsleistung zu kämpfen haben.

Die Mittelschicht ist am Bosporus ebenfalls in der Defensive. Wie die Börsenentwicklung zeigt, hat die Fähigkeit des Systems gelitten, aus dem Wirtschaftswachstum Gewinn zu ziehen. In Türkischer Lira mag sich der Leitindex ISE-100 der hundert größten Aktiengesellschaften noch ganz gut schlagen, doch in hartem Geld gemessen erleiden Aktionäre seit 2008 Verluste:


In Lira hat der ISE-100 in den letzten acht Jahren 88 Prozent zugelegt, auf Euro-Basis fällt ein Verlust von zwölf Prozent an Quelle: Bloomberg
Grüne Vorzeichen gibt es nur in der heimischen Weichwährung. Die Dollar- und Euro-Bilanz der Börse Istanbul dagegen zeigt: Auch für das wohlhabende türkische Bürgertum sind die goldenen Zeiten vorbei.

Da wirken die starken Töne aus Ankara fast schon wie ein Aufbäumen gegen den Abstieg. Oder wie die Suche nach Schuldigen im In- und Ausland


1 Kommentar:

  1. Erdogan hat in einer Flaute mit massiven Infrastrukturinvestitionen statt mit sinnvollen Reformen gegengesteuert. Und als die wirtschaftlichen Daten trotzdem immer schlechter wurden, die Inflation wieder deutlich in problematische Bereiche anstieg (und damit die Kritik an seiner Person immer größer wurde) hat er auf Terror gesetzt. Trumo verfolgt die gleiche Art von Machterhalt.

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