Mittwoch, 15. März 2017

Das bisschen Haushalt

Deutschland gilt als liberales und gesellschaftlich fortschrittliches Land. Aber in einer Hinsicht ist Europas größte Volkswirtschaft ein ziemlich konservativer Flecken. Keine andere Ökonomie in Westeuropa hängt so sehr am Bild vom Mann als "Ernährer" und "Versorger der Familie" wie die Bundesrepublik.

Das zeigen Daten der OECD. Der Organisation zufolge beträgt der Anteil des Mannes am Haushaltseinkommen von Paaren in Deutschland beachtliche 77,4 Prozent. Das ist der höchste Wert aller Industrienationen.

Wie sehr sich die Bundesrepublik damit vom west- und nordeuropäischen Standard unterscheidet, zeigt dieser Vergleich: In unserem Nachbarland Frankreich beträgt "sein" Anteil am gemeinsamen Einkommen 62,8 Prozent, in Schweden sind es nur 62,1 Prozent.


Quelle: OECD

Am niedrigsten ist der männliche Beitrag mit 57,9 Prozent in Dänemark. Hier scheint die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz am weitesten fortgeschritten. In Österreich und der Schweiz bringt der "Versorger" ebenfalls viel ins Haushaltseinkommen ein, doch in beiden Staaten ist es mit drei Viertel (75,2 Prozent) weniger als in Deutschland.

Für die Dominanz des "Ernährers" alter Schule gibt es zwei mögliche Erklärungen: Zum einen wirkt sich der generelle Lohn- und Gehaltsabstand (Gender Pay Gap) zwischen den Geschlechtern aus.
Je nach Messung verdienen Männer in der Bundesrepublik 20 bis 37 Prozent mehr als Frauen.
Nach internationalen Maßstäben ist das ein erhebliche Lücke.

Dahinter verbirgt sich die eigentliche Ursache: Traditionelle Industriearbeitsplätze spielen in Deutschland eine größere Rolle als in anderen westlichen Volkswirtschaften.


Quelle: Statistisches Bundesamt, St. Louis Fed (FRED), eigene Berechnungen

Mehr als 17 Prozent der Erwerbstätigen hierzulande verdienen ihr Geld im Verarbeitenden Gewerbe. In den USA ist die Quote mit 8,5 Prozent weniger als halb so hoch. Wie auch diese Daten bestätigen: Im Dax stehen die Automobil-Werte BMW, Continental, Daimler und Volkswagen für 43 Prozent aller Erlöse und für fast ein Drittel aller Nettogewinne.

Der Auto-Anteil im amerikanischen Leitindex Dow Jones Industrial liegt trotz des Namens bei... null.

Industriearbeitsplätze sind im Hochlohnland Deutschland aber meistens relativ gut bezahlt - nicht zuletzt eine Folge unseres Systems der dualen Berufsausbildung - und sie sind zugleich eine Männer-Domäne. Die weniger lukrativen Dienstleistungsjobs sind dagegen oft dem weiblichen Geschlecht vorbehalten.

Die Diskrepanz, wie viel Frauen und Männer zum Haushaltseinkommen beitragen, erklärt sich also zum Teil aus der Struktur der Volkswirtschaften. Und dann ist da noch das deutsche Steuersystem mit seinem Ehegattensplitting, das die Erwerbstätigkeit von Ehefrauen zu entmutigt

Kommentare:

  1. "Deutschland gilt als liberales und gesellschaftlich fortschrittliches Land."
    Worauf beziehen Sie sich denn mit diesem Satz? Gibt es da ein ranking oder so?

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  2. Das sieht man schon an den rigiden Ladenöffnungszeiten z.B. in Bayern. Wie sollte man da zurechtkommen, wenn nicht in einer Hausfrauenehe.

    Reformwünsche werden dann mit sehr philosophischen Argumenten über den vermeintlichen Konsumterror abgeblockt. Und dann wird wieder rumgejault, wenn die Leute bei Amazon einkaufen. Ja, wenn man mal hinter die Fassade blickt, ist Deutschland im Vergleich zu den europäischen Nachbarn in nicht wenigen Aspekten extrem konservativ.

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