Freitag, 10. Februar 2017

Die Welt wird nicht untergehen

Die Welt wird nicht untergehen, wenn die Europäische Union zerfällt. Es wird sich nur so anfühlen, eine ganze Zeit lang.

Einen kleinen Vorgeschmack auf das, was Europas Wirtschaft blühen könnte, wenn ein großes Land - etwa Frankreich oder Italien - aus der Union austritt, liefert Großbritannien.

Das Vereinigte Königreich wird immer wieder als Beispiel dafür angeführt, dass der Exit aus der Union halb so schlimm ist. Oder sogar Gutes bewirkt und neue Kräfte freisetzt.

Bei näherem Hinsehen erkennt man jedoch die Bruchlinien innerhalb der Volkswirtschaft. Denn der am 23. Juni 2016 mittels Referendum eingeforderte (und am 8. Februar 2017 vom Unterhaus gebilligte) Austritt hat schon jetzt Spuren hinterlassen.

An der Börse, wo die Zukunft gehandelt wird, sieht man das deutlicher als anderswo. Auf den ersten Blick scheint der Londoner Leitindex FTSE100 ("Footsie") trotz des Brexit-Votums von Rekord zu Rekord zu eilen. Das ist eine optische Täuschung.

Europäische oder amerikanische Investoren haben von dem Kursanstieg so gut wie gar nichts. Denn das Britische Pfund, in dem die Kurse festgestellt werden, hat sich etwa in dem Maß abgeschwächt, wie die Notierungen gestiegen sind.

Unter dem Strich haben nichtbritische Anleger mit britischen Aktien kaum gewinnen können. Dem Plus des FTSE100 seit 23. Juni 2016 von 14 Prozent in Pfund steht ein Minus von rund drei Prozent in Dollar gegenüber. In Euro legte der Footsie drei Prozent zu, verglichen mit locker zweistelligen Gewinnen des Dax.


Quelle: Bloomberg

Tatsächlich notiert der britische Leitindex heute stolze 23 Prozent unter seinem Dollar-Hoch aus dem Jahr 2014.

Und das ist nur das äußere Zeichen eines viel tiefer liegenden Problems. Die Unsicherheit rund um die Austrittsverhandlungen schaden den meisten Firmen auf der Insel, und das wird noch einige Jahre so bleiben. Schließlich wird Großbritannien den größten Binnenmarkt der Welt verlassen.

Mit ungewissen Aussichten auf ein neues Handelsabkommen. Einer Statistik zufolge dauert es im Schnitt fast vier Jahre, ein internationales Abkommen auszuhandeln. Gut möglich also, dass sich England und Europa erst im nächsten Jahrzehnt einigen.

Auffällig: Die Rallye an der Londoner Börse von Werten getrieben, die gar nicht besonders viel mit der britischen Wirtschaft zu tun haben. Unter den zehn größten Gewinnern im Leitindex finden sich nicht weniger als fünf Rohstoffriesen, die auf der Insel so gut wie keine Wertschöpfung erzielen, sondern nur ihren Sitz in London haben.
Das sind Glencore, Antofagasta, Anglo America, Rio Tinto und BHP Billiton.

Dazu kommen große Banken- und Finanzkonzerne wie HSBC Holdings.



Verluste in Prozent seit dem Referendum am 23. Juni 2016 (auf Pfund-Basis)
Quelle: Bloomberg, eigene Recherche

Auf der Verliererseite stehen dagegen Immobilienunternehmen (British Land) und Einzelhändler (Dixons Carphone, Next), und zur Überraschung mancher sogar Industriekonzerne wie Babcock International, die - so will es die landläufige Meinung - vom schwachen Pfund-Kurs profitieren sollten.

Einen Brexit ohne Reue wird es nicht geben. Weder für Anleger noch für die Beschäftigten auf der Insel

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