Dienstag, 28. März 2017

Die schlechteste Währung der Welt

Die Währung ist der Spiegel einer Volkswirtschaft. Aber sie ist auch der Spiegel einer politischen Kultur oder zumindest Drift, die in einem Land vorherrscht. Das kann man gut an den Devisen-Gewinnern und -Verlierern der vergangenen Jahre ablesen.



Dollar in Türkischer Lira, invertierte Skala
Quelle: Bloomberg

Unter den Nationen mit den schlechtesten Währungen der Welt finden sich Volkswirtschaften mit strukturellen Problemen, aber auch schlecht regierte Staaten. Meistens ist es eine Kombination von beidem.

Jede Skala sprengt die Entwicklung des Argentinischen Peso. Wegen der grassierenden Inflation und dem zwischenzeitlichen Regierungschaos unter der Kirchner-Clan ist der Wert des Peso in Euro binnen fünf Jahren auf ein Drittel zusammengeschmolzen.


Quelle: Bloomberg, eigene Recherche


Gleich hinter dem Argentinische Peso folgt auf der Liste der Hässlichen die Türkische Lira. Zum Euro ist die Außenwert der Erdogan-Währung seit 2012 um fast 40 Prozent abgesackt. In diesem Maß hat sich auch die internationale Kaufkraft der Türken verringert.

Auch sonst scheint das Wachstum nicht mehr bei den einfachen Menschen anzukommen. Die letzten Jahre waren für die Türken verlorene Jahre.

Ähnlich schlecht hat unter den großen Wirtschaftsräumen nur der Russische Rubel abgeschnitten

Mittwoch, 22. März 2017

Mehr als eine Momentaufnahme

Sieht man von Volkswagen mit seiner ungewissen Zukunft ab, hat dieses Jahr kein Unternehmen die Dividende so stark angehoben wie Adidas. Der Sportartikler aus Herzogenaurach packt gleich 0,40 Euro drauf und erhöht die Ausschüttung 2017 um 25 Prozent.

Doch solche Anhebungen von einem Jahr aufs nächste sind Momentaufnahmen. Viel interessanter ist zu sehen, welche Firmen über einen langen Zeitraum die beste Dividendendynamik haben.

Man sollte sich zum Beispiel die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre anschauen: 2007 war das letzte Jahr vor der Finanzkrise. Ein Unternehmen, dessen Ausschüttung heute viel höher liegt als damals, muss ziemlich robust sein. Das gilt umso mehr, wenn es die Dividende in diesem langen Zeitraum kein einziges mal senken musste.


Aktien mit der höchsten Ausschüttungsdynamik in Prozent
Dunkelblau: Dax-Firmen ohne eine einzige Senkung der Gewinnbeteiligung seit 2007
Quelle: Eigene Recherche

Auch auf Zehnjahressicht liegt Adidas vorn, übertroffen nur von den Bayerischen Motoren Werken BMW, die es auf eine Steigerung von 400 Prozent brachten. Gab es auf die BMW-Stämme 2007 noch 0,70 Euro Dividende, so werden es dieses Jahr 3,50 Euro sein.

Allerdings hat die BMW-Dividendenstory einen Schönheitsfehler. In den Krisenjahren 2008 und 2009 gab es mit 0,30 Euro nur Mager-Kost als Ausschüttung. Ähnliches gilt für Adidas (Zehn-Jahres-Steigerung 376 Prozent): Im Jahr 2010 musste die Dividende gekappt werden, auf 0,35 Euro.

Mit Fresenius, Henkel, SAP, Bayer, Siemens und Linde folgen jedoch sechs Dax-Konzerne, die ihre Ausschüttung seit 2007 verdoppeln konnten und zusätzlich nie einen Ausfall oder eine Senkung verkünden mussten.

Das bedeutet zehn Jahre laufende Erträge mit Steigerung, in einer Zeit, in der die Zinsen immer weiter abgeschmiert sind. Solche Titel sollte man Hurra-Aktien nennen


Montag, 20. März 2017

The Great Reaction

Jede soziale Revolution bringt eine Gegenbewegung hervor. In den USA heißt die Gegenbewegung Donald J. Trump: Laut, polternd und frei von jeder Rücksicht auf ehene Prinzipien amerikanischer Nachkriegspolitik.

Doch es sind wütende Kräfte, die Trump an die Macht gespült haben. Wut im Bauch haben vor allem die amerikanischen Industriearbeiter, die gegen ihre Marginalisierung aufbegehren.

Von der Deindustrialisierung der USA ist zwar schon länger die Rede, doch der wahre Absturz kam erst nach der Jahrtausendwende. Seit dem Jahr 2000 sind im Verarbeitenden Gewerbe netto rund fünf Millionen Stellen gestrichen worden, in einer Zeit, in der die Zahl der Erwerbstätigen in Amerika um insgesamt 15 Millionen stieg!

Wo sind all diese Arbeiter der Faust geblieben? Bestimmt sind sie in der relativ kurzen Zeit nicht alle in Rente gegangen. Trump verleiht der Frustration und dem Groll der (häufig weißen) worker und ihrer Familien eine Stimme, was ziemlich grotesk wirkt, wenn man bedenkt, dass der New Yorker Immobilientycoon ein typisches Kind der Ostküsten-Oberschicht ist.



Quelle: St. Louis Fed, eigene Berechnungen

Aber kann Trump den Trend umkehren? Schon unter Obama hat eine Stabilisierung eingesetzt. Der Anteil der Industriearabeiter an der arbeitenden Bevölkerung ist nicht weiter zurückgegangen. Seit der Finanzkrise verharrt die Quote bei ungefähr 8,5 Prozent.



Quelle: St. Louis Fed

Andererseits hat die Zunahme der Industriejobs die gesellschaftliche Erosion der Arbeiterschicht in den zehn Jahren zuvor nur zum geringen Teil ausgleichen können.

Um Millionen neuer Jobs in Kohlegruben und Stahlwerken zu schaffen, müssten die USA ihr ganzes Geschäftsmodell umstellen, das in den letzten Jahrzehnten auf hochwertige Dienstleistungen und Lifestyle ausgerichtet war, nicht auf den Export von Autos oder Maschinen.

(Obwohl der Fairness halber gesagt werden muss, dass die USA führend bei Flugzeugen, Turbinen und Militärtechnik sind.)

Aber es gibt noch ein größeres Problem. China und andere Schwellenländer können viele Industrie-Tätigkeiten genauso gut und günstiger. Das hat vor allem die Löhne ungelernter Arbeiter unter Druck gebracht.

Materiell stehen Arbeiter mit Job (!) heute 15 Prozent schlechter da als 2008.


Quelle: Korn Ferry

Um diesen Trend umzukehren, müsste Trump nicht nur die US-Wirtschaft umkrempeln, sondern sich auch mit wichtigen Handelspartnern anlegen und die internationale Arbeitsteilung in Frage stellen. Die daraus resultierenden internationalen Spannungen würden mehr Wohlstand vernichten, als Trump durch noch so brachiale Methoden über die Grenze ziehen kann.

Womöglich ist das dem Regenten im Weißen Haus aber egal



Samstag, 18. März 2017

Kein strahlender Held

Erdogan ist der Mann, der die Türkei wirtschaftlich stark gemacht hat. So sehen ihn viele Türken, und auch in Deutschland gab es so manchen, der hoffte, die AKP würde sich als eine Art "islamische CSU" herausstellen.

Für die ersten Jahre seiner Amtszeit mag das Bild vom wirtschaftsfreundlichen Recep Tayyip Erdogan zutreffen. Doch in letzter Zeit lässt sich das nicht mehr behaupten.

Vor allem die Einkommensentwicklung der Türken lässt stark zu wünschen übrig. Seit der Finanzkrise haben sich die Gehälter preisbereinigt nirgendwo so schlecht entwickelt wie in Reich des AKP-Politikers.

Real verdient ein türkischer Beschäftigter heute ein Drittel weniger als 2008. Besonders hart trifft es die ungelernten Arbeiter und einfachen Angestellten. Sie müssen sich mit einem um 40 Prozent niedrigeren Lebensstandard begnügen.


Quelle: Korn Ferry, eigene Recherche


Das Jahr von Erdogans Verfassungsreferendum hat ökonomisch alles andere als gut begonnen. Mit zehn Prozent Inflation ist die Geldentwertung in der Türkei höher als in jeder anderen großen Volkswirtschaft. Da bieten die Lohnsteigerungen nur mageren Ausgleich.

Offiziell wird das Wirtschaftswachstum zwar mit passablen drei Prozent ausgewiesen, aber eine Arbeitslosenquote von 13 Prozent deutet darauf hin, dass sich die Situation der Bevölkerung auf absehbare Zeit nicht nennenswert bessern wird.

Ob das für 2017 veranschlagte BIP-Plus von 2,8 Prozent noch zu erreichen ist, scheint nach dem Einbruch der Frühbucher-Zahlen fraglich. Und auch der Einbruch der LKW-Verkäufe deutet auf eine schwächere Konjunktur.

Da geht es den Türken in Deutschland besser, obwohl sie als Bevölkerungsgruppe mit relativ hoher Arbeitslosigkeit und schlechter Integrationsleistung zu kämpfen haben.

Die Mittelschicht ist am Bosporus ebenfalls in der Defensive. Wie die Börsenentwicklung zeigt, hat die Fähigkeit des Systems gelitten, aus dem Wirtschaftswachstum Gewinn zu ziehen. In Türkischer Lira mag sich der Leitindex ISE-100 der hundert größten Aktiengesellschaften noch ganz gut schlagen, doch in hartem Geld gemessen erleiden Aktionäre seit 2008 Verluste:


In Lira hat der ISE-100 in den letzten acht Jahren 88 Prozent zugelegt, auf Euro-Basis fällt ein Verlust von zwölf Prozent an Quelle: Bloomberg
Grüne Vorzeichen gibt es nur in der heimischen Weichwährung. Die Dollar- und Euro-Bilanz der Börse Istanbul dagegen zeigt: Auch für das wohlhabende türkische Bürgertum sind die goldenen Zeiten vorbei.

Da wirken die starken Töne aus Ankara fast schon wie ein Aufbäumen gegen den Abstieg. Oder wie die Suche nach Schuldigen im In- und Ausland


Mittwoch, 15. März 2017

Das bisschen Haushalt

Deutschland gilt als liberales und gesellschaftlich fortschrittliches Land. Aber in einer Hinsicht ist Europas größte Volkswirtschaft ein ziemlich konservativer Flecken. Keine andere Ökonomie in Westeuropa hängt so sehr am Bild vom Mann als "Ernährer" und "Versorger der Familie" wie die Bundesrepublik.

Das zeigen Daten der OECD. Der Organisation zufolge beträgt der Anteil des Mannes am Haushaltseinkommen von Paaren in Deutschland beachtliche 77,4 Prozent. Das ist der höchste Wert aller Industrienationen.

Wie sehr sich die Bundesrepublik damit vom west- und nordeuropäischen Standard unterscheidet, zeigt dieser Vergleich: In unserem Nachbarland Frankreich beträgt "sein" Anteil am gemeinsamen Einkommen 62,8 Prozent, in Schweden sind es nur 62,1 Prozent.


Quelle: OECD

Am niedrigsten ist der männliche Beitrag mit 57,9 Prozent in Dänemark. Hier scheint die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz am weitesten fortgeschritten. In Österreich und der Schweiz bringt der "Versorger" ebenfalls viel ins Haushaltseinkommen ein, doch in beiden Staaten ist es mit drei Viertel (75,2 Prozent) weniger als in Deutschland.

Für die Dominanz des "Ernährers" alter Schule gibt es zwei mögliche Erklärungen: Zum einen wirkt sich der generelle Lohn- und Gehaltsabstand (Gender Pay Gap) zwischen den Geschlechtern aus.
Je nach Messung verdienen Männer in der Bundesrepublik 20 bis 37 Prozent mehr als Frauen.
Nach internationalen Maßstäben ist das ein erhebliche Lücke.

Dahinter verbirgt sich die eigentliche Ursache: Traditionelle Industriearbeitsplätze spielen in Deutschland eine größere Rolle als in anderen westlichen Volkswirtschaften.


Quelle: Statistisches Bundesamt, St. Louis Fed (FRED), eigene Berechnungen

Mehr als 17 Prozent der Erwerbstätigen hierzulande verdienen ihr Geld im Verarbeitenden Gewerbe. In den USA ist die Quote mit 8,5 Prozent weniger als halb so hoch. Wie auch diese Daten bestätigen: Im Dax stehen die Automobil-Werte BMW, Continental, Daimler und Volkswagen für 43 Prozent aller Erlöse und für fast ein Drittel aller Nettogewinne.

Der Auto-Anteil im amerikanischen Leitindex Dow Jones Industrial liegt trotz des Namens bei... null.

Industriearbeitsplätze sind im Hochlohnland Deutschland aber meistens relativ gut bezahlt - nicht zuletzt eine Folge unseres Systems der dualen Berufsausbildung - und sie sind zugleich eine Männer-Domäne. Die weniger lukrativen Dienstleistungsjobs sind dagegen oft dem weiblichen Geschlecht vorbehalten.

Die Diskrepanz, wie viel Frauen und Männer zum Haushaltseinkommen beitragen, erklärt sich also zum Teil aus der Struktur der Volkswirtschaften. Und dann ist da noch das deutsche Steuersystem mit seinem Ehegattensplitting, das die Erwerbstätigkeit von Ehefrauen zu entmutigt

Sonntag, 5. März 2017

Finanzielle Hegemonie

Donald Trump betont oft und gern, als amerikanischer Präsident sei er nur amerikanischen Interessen verpflichtet und sonst nichts. In den Ohren von Nicht-Amerikaner kann das durchaus beunruhigend klingen. Denn die Vereinigten Staaten sind auf finanziellem Gebiet so dominant, dass man sie mit Fug und Recht als Hegemon bezeichnen kann.

Diese Hegemonie ruht auf fünf Säulen:

1. Der Dollar ist die Weltwährung

Zentrales Element ist der Greenback und die weltweit einmalige Infrastruktur, die mit ihm einhergeht. Amerikas Währung ist die mit Abstand wichtigste Währung der Welt. Fast zwei Drittel (63 Prozent) alle Devisenreserven lauten auf Dollar-Papiere. Auf die Nummer zwei, den Euro, entfällt nur ein Fünftel... mit zuletzt sinkender Tendenz. Die restlichen Währungen sind nur Statisten.

Dieser Sonderstatus des Dollar erlaubt es Amerika, der ganzen Welt seine Regulierung überzustülpen. Nach dem Motto: Wer den Dollar nutzt, unterliegt unserer Rechtssprechung, und nutzen müssen den Dollar mehr oder weniger alle, inklusive "Schurkenstaaten", die sich offen gegen die USA stellen.


Anteil an weltweiten Devisenreserven in Prozent
Quelle: IWF (Stand: 3. Quartal 2016)

2. Die USA dominieren die Bondmärkte

Internationale Organisationen und Unternehmen, die Geld deponieren wollen, kommen an US-Bonds nicht vorbei. Die handelbaren Staatsanleihen Amerikas vereinen schon jetzt doppelt so viel Volumen auf sich wie die des zweitgrößten Bondmarkts, Japan. Da japanische Titel allerdings vor allem von Inländern gehalten werden, ist die Abhängigkeit von den USA in Wirklichkeit noch größer, als es scheint.

Der europäische Staatsanleihenmarkt ist dagegen fragmentiert und spielt verglichen mit Amerika in der Zweiten Liga.


Quelle: Bloomberg
3. Amerikas Aktienmarkt ist ein Koloss

Betrachtet man nicht nur den reinen Börsenwert, sondern den Anteil der tatsächlich investierbaren Aktien, die sich nicht in den Händen der Regierung oder Konglomeraten befinden, vereinigen die USA 53 Prozent der globalen Marktkapitalisierung auf sich. Die Vereinigten Staaten liegen meilenweit vor allen anderen kapitalistischen Nationen.

Der zweitwichtigste Aktienmarkt der Welt ist der japanische mit einem Aktienmarkt-Anteil von 8,4 Prozent, gefolgt von dem britischen mit 6,2 Prozent. Die deutsche Börse bringt nach dieser Berechnung nur 3,1 Prozent der globalen market cap auf die Waagschale.


Quelle: Credit Suisse

Vor hundert Jahren sah das noch ganz anders aus: Im Jahr 1900 waren die vier großen kapitalistischen Volkswirtschaften Großbritannien, USA, Deutschland und Frankreich fast gleichrangig, wobei der Vorrang der London Stock Exchange nicht zu bestreiten ist.



Quelle: Credit Suisse


4. Alles überragende Wall Street 

Geldhäuser wie Wells Fargo (gegründet 1852), HSBC (gegründet 1865), Société Générale (gegründet 1864) oder Deutsche Bank (gegründet 1870) haben eine ähnlich große Tradition. Doch nur die Angelsachsen können heute noch als global player gelten.

Allen voran die Wall Street: Amerikas größte Bank JP Morgen ist heute zwölfmal so groß wie der deutsche Branchenprimus. Die Deutsche Bank ist an der Börse nur rund 28 Milliarden Dollar wert, das Wall-Street-Haus 334 Milliarden Dollar.


Die größten zehn Unternehmen sind allesamt amerikanisch. Die Nummer neun der Weltrangliste ist zugleich die führende Bank der Welt: JP Morgan. Deutschlands Top-Konzern SAP erscheint erst auf Rang 57, die Deutsche Bank auf Rang 456!
Quelle: Bloomberg

Die Verzwergung der europäischen Banken schränkt die Möglichkeit Europas ein, schnell Kapital zu mobilisieren, und das wiederum erschwert den Aufbau innovativer Unternehmen.

5. Die großen Fonds sitzen in New York

Die Aufzählung wäre nicht vollzählig ohne die großen Fonds. Rund vier Fünftel des ETF-Handels findet in den USA statt. Mit 2,7 Billionen Dollar Marktwert vereinigen die amerikanischen Vehikel zwei Drittel des globalen Indexfonds-Volumens auf sich. Zudem haben die großen Kapitalsammelstellen fast alle ihren Sitz in der Finanzmetropole New York.

Das führt zur paradoxen Situation, dass BlackRock in New York der größte Aktionär vieler Dax-Unternehmen ist. Wäre der Dax eine Aktie, hätten die New Yorker die meisten Stimmrechte.

Die Vereinigten Staaten sind keine Nation wie andere. Ob es uns gefällt oder nicht: Amerika ist der Hegemon des modernen Kapitalismus. Deshalb können wir nur hoffen, dass das Staatsoberhaupt dieses Hegemons nicht Politik macht wie der Regent irgendeines Kleinstaats

Samstag, 4. März 2017

Schlecht integiert

Die 1,5 Millionen in Deutschland lebenden Türken gehören zu den am wenigsten integrierten Bevölkerungsgruppen. Trotz einer fast 60-jährigen Tradition türkischer Einwanderung ist die soziale Situation ernüchternd. 

Gut ein Fünftel aller türkischen Staatsbürger in der Bundesrepublik lebt von Sozialhilfe (Hartz IV), die Arbeitslosigkeit ist mit 16,4 Prozent so hoch wie bei keiner anderen Einwander-Nationalität aus der "Gastarbeiter"-Ära. Das statistische Armutsrisiko dürfte bei rund 25 Prozent liegen, in dem Bereich verortet das IW Köln die Kaufkraftarmut von Menschen mit Migrationshintergrund. 

Dass Migranten-Arbeitslosigkeit kein unentrinnbares Schicksal ist, zeigen die Arbeitslosenquote von Ost- und Südeuropäern. Ungarn in der Bundesrepublik sind statistisch weniger oft auf Stellensuche als Deutsche, und auch bei Griechen, Portugiesen und Spaniern liegen die Arbeitslosenzahlen nur wenig über denen deutscher Staatsbürger. 




Quelle: Bundesagentur für Arbeit (Stand März 2017)

Umgekehrt lässt die Beschäftigungssituation sehr zu wünschen übrig. Zwar haben viele Türken ein kleines Gewerbe und liefern damit einen wichtigen Beitrag zur Infrastruktur der Städte, doch die Integration durch Arbeit in Firmen und Institutionen ist gering ausgeprägt.

Die Quote der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Türken liegt mit 52 Prozent deutlich unter der von Deutschen (67 Prozent) und auch Südeuropäern (57 Prozent). Die Integrationsprobleme der Türken beginnen aber bereits in der Schule. Das Statistische Bundesamt stellt dazu fest:
"Der Bildungserfolg der Menschen mit Migrationshintergrund und ihre Integration in den Arbeitsmarkt variieren teilweise sehr deutlich je nach Herkunftsland. So hatten zum Beispiel 88% der 25 bis 35 Jahre alten Personen mit chinesischen Wurzeln Abitur, aber nur 16% der Personen mit türkischen Wurzeln."
Der Zuzug der Türken - der größten ausländischen Bevölkerung in der Bundesrepublik - ist in vieler Hinsicht ein Beispiel dafür, wie Migration nicht laufen sollte, und wie Integration scheitern kann

Mittwoch, 1. März 2017

Inflation frisst Lohnsteigerung 2017 auf

Ausgerechnet im Wahljahr dürften viele Arbeitnehmer so wenig von ihrem Lohn haben wie seit langem nicht. Grund ist die anziehende Inflation. Im Februar 2017 war sie in Deutschland mit 2,2 Prozent so hoch wie zuletzt vor viereinhalb Jahren.


Quelle: Statistisches Bundesamt, Schätzungen für 2017 Commerzbank, Korn Ferry, eigene Berechnungen

Pendelt sich die Teuerung auf diesem Niveau ein, werden die Bruttolohnzuwächse in den meisten Branchen nicht ausreichen, um die Geldentwertung auszugleichen. Das gilt vor allem für die städtischen Zentren, wo die Preise deutlich schneller steigen als auf dem Land.

Schon 2016 sah das schwächsten reale Einkommensplus der vergangenen drei Jahre, und das obwohl die Teuerung bundesweit im Jahresschnitt nur bei 0,5 Prozent lag. Von den zwei Prozent Zuwachs bei den Tarifverdiensten blieben unter dem Strich 1,5 Prozent.


Quelle: Statistisches Bundesamt, für 2017 Projektion


Davon können die meisten Arbeitnehmer 2017 wohl nur träumen. Für das laufende Jahr erwarteten die Auguren zwar Gehaltsverbesserungen von bis zu 2,5 Prozent. Nur wird davon abzüglich der hochschnellenden Kosten nicht viel übrig bleiben

Dienstag, 28. Februar 2017

Der deutsche Warren Buffett

Unglaublich, aber wahr. Im Deutschen Aktienindex (Dax) gibt es eine Aktie, die in den vergangenen 25 Jahren noch stärker gestiegen ist als Berkshire Hathaway. Diese Aktie ist Fresenius.

Die Aktie des Gesundheitskonzerns aus Bad Homburg hat seit 1992 um rund 6800 Prozent zugelegt, verglichen mit den schon beachtlichen 3400 Prozent von Warren Buffetts Beteiligungsgesellschaft.


Seit Anfang der Neunziger um den Faktor 75 gestiegen: Fresenius-Aktie in Euro
Quelle: Bloomberg

Die Kursentwicklung von Fresenius ist nicht das einzig Erfreuliche. Seit erstmaliger Zahlung einer Dividende vor einem Vierteljahrhundert gibt es jedes Jahr mehr Ausschüttung. Damit ist der Dax-Titel Deutschlands erster Dividendenaristokrat.

Die Dividendenrendite war zwar noch nie berauschend, gemessen am aktuellen Kurs sind es 0,8 Prozent, jedoch lässt die Ausschüttungsquote von etwas über einem Fünftel (22 Prozent) jede Menge Luft nach oben.

Mit mehr als 260.000 Mitarbeitern in über 100 Ländern profitiert der deutsche Gesundheitskonzern vom wachsenden Wohlstand weltweit und gleichzeitig der Alterung der Gesellschaft. Die Expansion muss noch lange nicht zu Ende sein. Menschen werden älter und brauchen mehr Medizin und Pflege.


Ausschüttung innerhalb von sechs Jahren verdoppelt
Quelle: Unternehmensangaben

Nach Fresenius wird der zweite Dividendenaristokrat Deutschlands wohl aus der gleichen Familie kommen: Der Dialyse-Spezialist Fresenius Medical Care kann Anfang des nächsten Jahrzehnts die 25 voll machen.

Ebenfalls nicht von schlechten Eltern sind Fuchs Petrolub mit 15 Erhöhungen in Folge und Stratec Biomedical mit einer 14er Serie. Auch BayWa und Fielmann haben die Chance, im Laufe der Zwanzigerjahre Dividendenaristokraten zu werden.


Die nächsten potenziellen Dividendenaristokraten in Deutschland
Quelle: Dividendenadel.de


Kein Dividendenaristokrat im klassischen Sinn, aber eine feste Größe am Dividendenhimmel ist die Aktie von Munich Re (Münchener Rück). Seit dem Jahr 1970 hat der größte Rückversicherer der Welt die Ausschüttung nie senken müssen.

Zuletzt betrug die Munich-Re-Rendite bei einer Ausschüttung von 8,60 Euro je Aktie fünf Prozent.
So sehen Börsenwerte aus, die Vermögen schaffen

Freitag, 17. Februar 2017

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Die Allianz SE erhöht die Dividende auf 7,60 Euro pro Aktie. Damit wird Deutschlands fünftgrößter Börsenkonzern eine Rekordsumme von 3.473 Millionen Dollar ausschütten. Doch wem kommt der Geldsegen eigentlich zugute?


Eine fast tadellose Dividendenhistorie
Quelle: Bloomberg, Unternehmensangaben

Das Unternehmen zählt 510.917 Aktionäre in der Bundesrepublik. Diese halbe Million Menschen und Institutionen besitzen zusammen rund 33,8 Prozent des Allianz-Grundkapitals und haben Anspruch auf einen entsprechenden Anteil des ausgezahlten Gewinns. 


Aktionärsstruktur Allianz SE nach Ländern Stand 2016
Quelle: Unternehmensangaben

Adressen in den USA halten 18 Prozent des Grundkapitals. Allerdings sind dies nur 398 Personen und Organisationen. Weitere je 7,8 Prozent liegen in Großbritannien und Luxemburg. Auch hier sind es nur wenige Stellen.

Das bedeutet, dass jeder deutsche Aktionär im Schnitt zivile 2.300 Euro erhält, bei der einzelnen Adresse in Amerika rappeln dagegen fast 1,6 Millionen Euro in der Kasse. Ähnliches gilt für die Luxemburger Adressen
Jeder der dort ansässigen 193 Anteilseigner erhält am Tag der Ausschüttung rechnerisch 1,4 Millionen. 


Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von Unternehmensangaben und einer vorgeschlagenen Dividende von 7,60 Euro


Schlimm? Im Prinzip nicht, in New York und Luxemburg sitzen eben die großen Fonds, an denen wiederum viele Privatanleger beteiligt sind, auch deutsche.

So ist der größte Anteilseigner der Allianz inzwischen BlackRock. Der New Yorker Finanzkonzern hält 5,9 Prozent an dem Versicherer. BlackRock ist auch Großaktionär bei SAP (5,1 Prozent), Daimler (5,2 Prozent), Siemens (5,6 Prozent) und Bayer (7,0 Prozent).

Langfristig kann aus einer solchen Ballung von Stimmrechten bei einer Adressen eine Gefahr für den Kapitalismus erwachsen. Mögliche Kumpaneien von Großaktionär, Aufsichtsrat und Vorstand muss man im Auge behalten

Mittwoch, 15. Februar 2017

Eine interessante Statistik

In den Tiefen der amtlichen Statistik stößt man auf einiges, auch auf so manche Wahrheit, die eher unbequem ist. Zum Beispiel diese:

Die Folgen von Migration haben in der Vergangenheit eher zu einer Belastung als zu einer Entlastung des deutschen Sozialstaats geführt. Das zeigt eine einfache Rechnung. Der Ausländer-Anteil an der Gesamtbevölkerung Deutschlands liegt bei elf bis zwölf Prozent. Der Anteil von Nichtdeutschen an den Hartz-IV-Empfängern beträgt dagegen fast ein Drittel.

Rund jeder achte ausländische Mitbürger ist Leistungsberechtigter im Sinne des Sozialgesetzbuchs.


Ausländer stellten 2015 laut amtlichen Zahlen 10,5 Prozent der Bevölkerung.
Im Jahr 2016 dürfte der Anteil Richtung zwölf Prozent geklettert sein
Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Recherche

Mit anderen Worten: Die Wahrscheinlichkeit, als Nichtdeutscher Sozialhilfeempfänger zu sein, ist ungefähr dreimal so hoch wie als deutscher Staatsbürger.


Der Anteil der nichtdeutschen Einwohner an den Sozialhilfeempfängern ist deutlich höher als ihr Anteil an der Bevölkerung
Quelle: Arbeitsagentur, eigene Recherche

Ein ähnliches Muster zeigt sich auch bei den Arbeitsmarktzahlen: Anfang 2017 waren 5,7 Prozent der deutschen Staatsbürger als arbeitslos gemeldet, unter den Ausländern lag die Quote mehr als doppelt so hoch, bei 14,8 Prozent.

Aufschlussreich ist aber auch ein anderer Wert: Im Jahr 2016 hat die Zahl der regulären (also sozialversicherungspflichtigen) Beschäftigten mit deutscher Staatsbürgerschaft kaum noch zugenommen. Sie stieg in absoluten Zahlen nur um 34.000 oder 0,1 Prozent.

Die Zahl der ausländischen Beschäftigten in der Bundesrepublik ist dagegen um zehn Prozent geklettert, nämlich um 298.000 auf 3,3 Millionen (Stand November 2016). Mehr als die Hälfte dieser Jobs, laut Arbeitsagentur 151.000, haben Osteuropäer übernommen.

Daraus kann man ableiten, dass es einfach nicht mehr genügend Deutsche (zumindest mit der erforderlichen Qualifikation und Mobilität) gibt, um diverse Stellen zu besetzen. Die Alterung unserer Gesellschaft hinterlässt ihre Spuren.


Die Erwerbsbevölkerung Deutschlands ist zuletzt nur dank Zuwanderung wieder am Steigen
Quelle: Bloomberg
Für mich folgt daraus: Asylpolitik kann nicht als Ersatz für Einwanderungspolitik fungieren. Eine über humanitäre Schutzgewährung und die EU-Personenfreizügigkeit hinausgehende Migration sollte stärker auf die Qualifikation der Zuzügler ausgerichtet sein



Sonntag, 12. Februar 2017

20 Billionen Dollar Schulden

Nicht nur der Dow Jones Index hat gerade eine magische 20er Grenze durchbrochen, die 20.000-Punkte-Marke. Auch in anderer Hinsicht werden die USA dieser Tage eine 20er-Schwelle überschreiten: die der Staatsverschuldung.


Quelle: IWF WEO, eigene Berechnungen


Zum ersten Mal zeigt dann die Schuldenuhr der Vereinigten Staaten von Amerika 20 Billionen Dollar, 20.000 Milliarden, 20 Millionen Millionen. Damit ist jeder US-Bürger über den Staat mit rund 61.500 Dollar verschuldet. Zum Vergleich: Pro Kopf steht jeder Einwohner Deutschlands mit umgerechnet 27.000 Dollar in der Kreide (25.500 Euro).


Quelle: Fed St. Louis (FRED)

Schon jetzt übersteigen die Verbindlichkeiten die Wirtschaftskraft deutlich. Und es geht weiter: Die ersten Amtsjahre eines neuen Präsidenten bringen meist eine starke Neuverschuldung. So war es unter Bush senior, so war es unter Bill Clinton, so war es unter Bush junior und so war es - aufs Groteske verzerrt durch die Folgen der Finanzkrise - auch unter Obama.



Steigerung der Staatsschulden in Prozent
Quelle. Fed. St. Louis (FRED)

Wann wird der enorme Schuldenstand zum Problem? Das japanische Beispiel zeigt, dass eine hoch entwickelt Volkswirtschaft mit funktionierender Finanz-Infrastruktur lange mit einer solchen Bürde zurechtkommen kann (vorausgesetzt die Zinsen bleiben niedrigen).

Die Frage scheint also nicht so sehr zu sein, ob der amerikanische Staat unter der Last der Kredite kollabiert - das wird er nicht -, sondern. wann die immer neuen Schulden von einem Konjunkturtreiber zu einem Bremsklotz werden.

Und sollte die aktuelle nationalistische Politik in Washington zum neuen Normalmaß werden, muss man sich langfristig auch eine andere Frage stellen: Wer wird für die US-Schulden aufkommen? Offensichtlich hat das Establishment entschieden, dass es nicht die Amerikaner sein sollen.

Es könnte also die Zeit kommen, da die Handelspartner Amerikas über Zölle Amerikas Zinsen zahlen


Deutschland ist eine der wenigen Industrienationen, deren Schulden in absoluten Zahlen sinken
Quelle: IWF WEO


Freitag, 10. Februar 2017

Die Welt wird nicht untergehen

Die Welt wird nicht untergehen, wenn die Europäische Union zerfällt. Es wird sich nur so anfühlen, eine ganze Zeit lang.

Einen kleinen Vorgeschmack auf das, was Europas Wirtschaft blühen könnte, wenn ein großes Land - etwa Frankreich oder Italien - aus der Union austritt, liefert Großbritannien.

Das Vereinigte Königreich wird immer wieder als Beispiel dafür angeführt, dass der Exit aus der Union halb so schlimm ist. Oder sogar Gutes bewirkt und neue Kräfte freisetzt.

Bei näherem Hinsehen erkennt man jedoch die Bruchlinien innerhalb der Volkswirtschaft. Denn der am 23. Juni 2016 mittels Referendum eingeforderte (und am 8. Februar 2017 vom Unterhaus gebilligte) Austritt hat schon jetzt Spuren hinterlassen.

An der Börse, wo die Zukunft gehandelt wird, sieht man das deutlicher als anderswo. Auf den ersten Blick scheint der Londoner Leitindex FTSE100 ("Footsie") trotz des Brexit-Votums von Rekord zu Rekord zu eilen. Das ist eine optische Täuschung.

Europäische oder amerikanische Investoren haben von dem Kursanstieg so gut wie gar nichts. Denn das Britische Pfund, in dem die Kurse festgestellt werden, hat sich etwa in dem Maß abgeschwächt, wie die Notierungen gestiegen sind.

Unter dem Strich haben nichtbritische Anleger mit britischen Aktien kaum gewinnen können. Dem Plus des FTSE100 seit 23. Juni 2016 von 14 Prozent in Pfund steht ein Minus von rund drei Prozent in Dollar gegenüber. In Euro legte der Footsie drei Prozent zu, verglichen mit locker zweistelligen Gewinnen des Dax.


Quelle: Bloomberg

Tatsächlich notiert der britische Leitindex heute stolze 23 Prozent unter seinem Dollar-Hoch aus dem Jahr 2014.

Und das ist nur das äußere Zeichen eines viel tiefer liegenden Problems. Die Unsicherheit rund um die Austrittsverhandlungen schaden den meisten Firmen auf der Insel, und das wird noch einige Jahre so bleiben. Schließlich wird Großbritannien den größten Binnenmarkt der Welt verlassen.

Mit ungewissen Aussichten auf ein neues Handelsabkommen. Einer Statistik zufolge dauert es im Schnitt fast vier Jahre, ein internationales Abkommen auszuhandeln. Gut möglich also, dass sich England und Europa erst im nächsten Jahrzehnt einigen.

Auffällig: Die Rallye an der Londoner Börse von Werten getrieben, die gar nicht besonders viel mit der britischen Wirtschaft zu tun haben. Unter den zehn größten Gewinnern im Leitindex finden sich nicht weniger als fünf Rohstoffriesen, die auf der Insel so gut wie keine Wertschöpfung erzielen, sondern nur ihren Sitz in London haben.
Das sind Glencore, Antofagasta, Anglo America, Rio Tinto und BHP Billiton.

Dazu kommen große Banken- und Finanzkonzerne wie HSBC Holdings.



Verluste in Prozent seit dem Referendum am 23. Juni 2016 (auf Pfund-Basis)
Quelle: Bloomberg, eigene Recherche

Auf der Verliererseite stehen dagegen Immobilienunternehmen (British Land) und Einzelhändler (Dixons Carphone, Next), und zur Überraschung mancher sogar Industriekonzerne wie Babcock International, die - so will es die landläufige Meinung - vom schwachen Pfund-Kurs profitieren sollten.

Einen Brexit ohne Reue wird es nicht geben. Weder für Anleger noch für die Beschäftigten auf der Insel

Mittwoch, 8. Februar 2017

So groß sind die Gehaltsunterschiede

Nicht nur innerhalb Europas gibt es beträchtliche Einkommensunterschiede, sondern auch innerhalb Deutschlands, von Bundesland zu Bundesland.

Wie stark das West-Ost-Gehaltsgefälle (immer noch) ist, zeigt jetzt der Gehaltsreport 2017 von Stepstone.

Demnach verdient eine durchschnittliche Fachkraft in Europas größter Volkswirtschaft brutto 57.150 Euro im Jahr (zum aktuellen Kurs umgerechnet sind das ungefähr 61.000 Dollar).

Die besten Einkommensmöglichkeiten gibt es Hessen, wohl nicht zuletzt wegen des europäischen Finanzzentrums Frankfurt a.M. Dort ist ein Gehalt von 62.055 Euro quasi normal.


Quelle: Stepstone.de, eigene Recherche

Das Bundesland mit dem niedrigsten Lohnniveau ist Sachsen-Anhalt. Fach- und Führungkräfte in dem 2,3-Millionen-Einwohner-Land müssen im Mittel mit 41.800 Euro auskommen.

Deutlich unter dem Durchschnitt liegen auch Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. In 27 Jahren Einheit hat sich das Gehaltsniveau in Ost- und West angenähert.
Von einem Gleichstand kann aber keine Rede sein.


Quelle: Stepstone.de, eigene Recherche

Aktuell ist es so, dass ein Experte in Frankfurt fast 50 Prozent mehr verdient als in Magdeburg. Der Historiker in mir muss daran denken, dass beide bedeutende Städte des deutschen Mittelalters sind. Wobei anzumerken ist: In Sachsen-Anhalt ist auch ein Teil der Lebenshaltungskosten deutlich geringer als in Hessen.

Und auch die Work-Life-Balance muss im Osten nicht unbedingt schlechter sein.

Wirtschaftlich gesehen leiden die östlichen Bundesländer nach wie vor unter dem historischen Erbe, dass Weltkonzerne ihren Sitz und viele ihrer Produktionsstätten in der alten Bundesrepublik haben. Einige löbliche Ausnahmen gibt es.

Aber die Schatten von Teilung, Kommunismus und Kaltem Krieg sind lang




Sonntag, 5. Februar 2017

Vier Prozent schafft Trump nie

Donald Trump ist in der eigenen Wahrnehmung in jeder Hinsicht der Größte. Er hat seinen Wählern nicht nur 25 Millionen Jobs in einem Jahrzehnt versprochen, sondern auch ein Wirtschaftswachstum von vier Prozent.

Das Ziel wird er nicht erreichen. Denn er hat zwei mächtige Gegner, zwei Gegner, gegen die er in einer freien Gesellschaft wenig entgegenzusetzen hat: Die Demografie und die Macht der Kapitalmärkte, die ihm die Grenzen der Verschuldung aufzeigen werden.


Arbeitsbevölkerung USA (15-64 Jahre) Veränderung in Prozent auf 10-Jahres-Sicht
Quelle: St. Louis Fed

Ein Grund dafür, die vier Prozent Wachstum unwahrscheinlich erscheinen lassen, ist die Demografie. Bevölkerungswachstum spielt für die wirtschaftliche Dynamik der USA eine größere Rolle, als oft wahrgenommen wird. Allein in Barack Obamas Regierungsjahren 2009 bis 2016 hat sich die Einwohnerzahl der USA um 19 Millionen erhöht: von 305 auf 324 Millionen!

Damit sind in acht Jahren mehr Menschen dazu gekommen, als die Niederlande Einwohner zählt.

Dennoch hat es das Amerika der Obama-Ära nie geschafft, auch nur annähernd vier Prozent Wachstum zu erzielen. Das beste Jahr war 2015 mit 2,7 Prozent. Klammert man das Krisenjahr 2009 aus, betrug das durchschnittliche BIP-Plus 2,1 Prozent. Verglichen mit europäischen Werten ist das imposant, doch weit von vier Prozent entfernt.





In der vergangenen 40 Jahren lag das Wachstum der USA meist deutlich über dem deutschen. Aber nach der Finanzkrise nähern sich die Werte einander an
Quelle: IWF

Wichtiger noch als das Bevölkerungswachstum ist das Wachstum der Arbeitsbevölkerung, also der Menschen zwischen 15 und 64 Jahren, die im Sinne der Wirtschaft als besonders produktiv gelten. Diese Arbeitsbevölkerung wuchs in den USA zuletzt nur noch um 0,7 Prozent per annum.

Auf Zehnjahressicht betrug das Plus der Arbeitsbevölkerung sieben Prozent und damit nur noch halb so viel wie zehn Jahre zuvor (siehe Chart oben).

Noch zur Jahrtausendwende nahm die Zahl der Menschen zwischen 15 und 64 Jahren auf Zwölf-Monats-Sicht um beachtliche 2,2 Prozent zu. Um das in Relation zu setzen: In Japan schrumpft die Arbeitsbevölkerung schon seit Jahren.


Das letzte Mal, dass die USA vier Prozent Wachstum schafften, war im Millenniumsboom
Quelle: IWF

Um auf ein BIP-Plus von vier Prozent zu kommen, müssten die USA die Arbeitsbevölkerung also erhöhen, und das ist kurzfristig - in einem Vier- oder Achtjahreszeitraum gedacht - unrealistisch, zumal die Migrationspolitik des neuen Präsidenten eher auf eine verlangsamte Einwanderung.

Natürlich kann man hoffen, dass die viel beschworenen hochqualifizierten Leistungsträger und nur die trotzdem in die USA strömen. Hoffen und beschwören kostet ja nichts.

Auch Staatsausgaben auf Pump können das Wachstum anschieben. Nur war Obama in der Hinsicht alles andere als untätig. In den acht Jahren seiner Ägide haben die USA ihre Staatsverschuldung um 9,4 Billionen Dollar auf insgesamt 20 Billionen Dollar ausgeweitet.

Dennoch war an ein Wachstum von vier Prozent nicht mal in Reichweite. Nun könnte Trump die Verschuldung noch einmal verdoppeln auf dann 40 Billionen Dollar. Das entspräche dann einer Schuldenquote von 200 Prozent.


Quelle: IWF

Nur zeigt das Beispiel Japan, dass mehr Verbindlichkeiten das Wachstum irgendwann kaum mehr anschieben. Bliebe noch eine wundersame Steigerung der Produktivität. Doch das ist eine andere Geschichte




Samstag, 4. Februar 2017

Amerikanische Wohlstandsverluste, wirklich?

In seiner Amtsantrittsrede hat der neue US-Präsident von einem Amerika gesprochen, in dem ein Blutbad (carnage) tobe. Man kann nur hoffen, dass das zumindest zum Teil metaphorisch gemeint war.
Sicher sein kann man da nicht.
Aus anderen Äußerungen Trumps lässt sich rekonstruieren, dass der Mann im Weißen Haus an die Arbeitnehmer in Amerika gedacht hat. Deren Einkommen erleben seiner Meinung nach ein Gemetzel.

Hat er recht?
Nun, die Statistiken lassen ein solches Blutbad am Einkommen des amerikanischen Volkes, und davon redet der Präsident ja immer, nicht erkennen.

Im Gegenteil, von allen großen Volkswirtschaften haben die Vereinigten Staaten ihren Wohlstand pro Kopf seit der Finanzkrise am meisten steigern können. Und das von hohem Niveau aus.

Die Daten des IWF sind eindeutig: Betrug Amerikas Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner im Finanzkrisenjahr 2008 rund 48.300 Dollar, so waren es acht Jahre später (also zum Ende der Obama-Ära) 57.300 Dollar, also 9000 Dollar mehr.


Die USA sind nicht nur die größte Ökonomie, sondern auch die reichste
Quelle: IWF

Keine andere entwickelte Volkswirtschaft kann in der Summe eine so positive Entwicklung vorweisen. Rechnet man das Bruttoinlandsprodukt in Dollar um, müssen die meisten anderen G7-Länder sogar einen Rückgang hinnehmen.


Auf  Dollar-Basis ist während der Obama-Jahre 2009 bis 2016  nur "das amerikanische Volk" reicher geworden
Quelle: IWF, eigene Berechnungen

Und es in Relation zu setzten: Ein Amerikaner hat seit dem Jahr 2008 statistisch mehr Wohlstand dazu gewonnen, als ein Chinese insgesamt an Wirtschaftsleistung erzeugt.
Das Pro-Kopf-BIP lag in Reich der Mitte zuletzt bei 8.261 Dollar.

Natürlich ist das nur der Durchschnittswert. Es gibt viele Hinweise darauf, dass die amerikanischen Arbeiter von diesem immensen Wohlstandsgewinn wenig abbekommen haben, Amerika ist eine der Gesellschaften mit der ungleichsten Einkommensverteilung, und das erklärt vielleicht auch die Frustration, die im Hinterland der USA herrscht.

Eine Frustration, die Trump mit an die Macht gespült hat.


Rechnerisch hat ein Amerikaner eine sieben Mal so hohe Wirtschaftskraft wie ein Chinese
Quelle: IWF


In Amerika sind die Einkommen der einfachen Leute seit 2008 - hier Helfer genannt - nach Inflation gesunken. In keinem anderen großen Industrieland geht die Schere so weit auseinander wie in den USA
Quelle: Korn Ferry



Die Reaktion des Immobilieninvestors und Selbstdarstellers Donald Trump auf all das, die Flucht in Protektionismus und Währungskrieg, ist keineswegs zwingend. Eine andere Antwort hätte sein können, die Einkommen in Amerika einfach besser zu verteilen, in Europa würde man sagen: "gerechter".

Der amerikanische Präsident hat einen anderen Weg eingeschlagen: Die vermeintlich geraubten Jobs zurückholen nach Amerika. Mit Strafzöllen und Handelsbarrieren.
Dabei entfesselt er gleichsam nebenbei den Ungeist des Nationalismus, und riskiert auch, die Nachkriegs-Weltordnung zu zerstören. Mit schwer abschätzbaren (und für mich beunruhigenden) Folgen für Krieg und Frieden im 21. Jahrhundert





Mittwoch, 1. Februar 2017

Wo aus Unsinn Sinn wird

Peter Navarro redet viel Stuss. Doch in einer Hinsicht hat der Einflüsterer von Donald Trump recht: Der Euro ist wirklich zu billig. Egal, welche Messlatte man auch anlegt: Europas Währung wird an den Börsen zu niedrig gehandelt.

Der faire Wert dürfte eher bei 1,20 bis 1,30 Dollar liegen, also mindestens zehn Prozent über dem jetzigen Niveau.


Die OECD hält den Euro für 25 Prozent zu billig
Quelle: Bloomberg


Gehandelt wird die europäische Devise aktuell für 1,08 Dollar. Ein Großteil des jüngsten Sturzes ist der Niedrigzinspolitik der EZB geschuldet. Forscher der Bundesbank beziffern allein den kursdrückenden Effekt des Anleihenkaufpogramms auf 6,5 Prozent.


Quelle: St. Louis Fed, eigene Recherche


Der zu schwache Euro mag ein Grund für den Überschuss sein, den Deutschland im Außenhandel erzielt, aber bei weitem nicht der einzige. Auch bei einem üppigen Euro-Kurs von mehr als 1,50 Dollar im Jahr 2008 führte Europas größte Volkswirtschaft mehr Waren und Dienste aus, als sie einführte.

Umgekehrt verbuchten die USA auch mit einem weniger starken Dollar ein beträchtliches Defizit, 2006 zum Beispiel den Rekordwert von 807 Milliarden Dollar. Die Amerikaner machen Schulden, um zu importieren. Und sie können sich das als Eigner der Weltleitwährung auch leisten.




Quelle: IWF

Selbst in Zeiten eines teuren Euro hatte Deutschland ein Plus und Amerika ein Minus in der Leistungsbilanz
Quelle: Bloomberg


Gleichwohl sollten sich die deutschen Entscheider Gedanken darüber machen, was sie tun können, um unseren Wohlstand sinnvoller zu verwenden. Ein Überschuss in der Leistungsbilanz sollte als Mittel zum Zweck betrachtet werden, nicht als Ziel.

Anders als Norwegen verfügt Deutschland über keinen Staatsfonds, der die Gewinne weise investiert. Das Gros unserer Überschüsse dürfte am Ende nicht einmal Rendite abwerfen.

Für den Anfang wäre schon etwas geholfen, wenn der Finanzminister das Haushaltsplus nimmt, um damit die beste Internet-Infrastruktur der Welt aufzubauen.

Für ein Land, das sich zu Nullzins Geld borgen kann, dessen Bevölkerung schnell altert und das in der digitalen Wirtschaft des 21. Jahrhunderts ins Hintertreffen zu geraten droht, wäre das doch mal eine Maßnahme. Für den Anfang.

Auch eine bessere Ausrüstung der Bundeswehr wäre ein Ansatz. Mehr Investitionen in Verteidigung sind ohnehin das, was von Deutschland gefordert wird. Aber es könnte ebensogut eine europäische Mond-Mission sein. Hauptsache, das Geld wird in Technologie und Knowhow verwandelt.

In dem Maße, wie das neu angeschaffte Material und Equipment aus dem Ausland kommt, könnte ein solches Investitionsprogramm helfen, die Handelsbilanz auszugleichen. Nicht, dass der Euro-Kurs dadurch explodieren würde, aber es wäre zumindest ein Zeichen in einer Welt, in der Stussreden schon als Handelspolitik gilt