Freitag, 30. September 2016

Das verkannte deutsche Jobwunder

Würde Angela Merkel für das Amt des US-Präsidenten kandidieren, wäre ihr Wahlkampf-Team vermutlich vor allem auf eines aus: eine historische Leistung hervorzuheben, die in der jüngeren Geschichte Deutschlands einmalig ist.

In "Muttis" Amtszeit sind in Deutschland fast vier Millionen Jobs entstanden! Auf amerikanische Verhältnisse hochgerechnet wären das 15 Millionen.

Seitdem die CDU-Politikerin am 22. November 2005 zum ersten Mal im Bundestag die Hand zum Amtseid als Kanzlerin hob, hat sich die Zahl der Erwerbstätigen von 39,7 Millionen auf 43,6 Millionen erhöht.

Ein derartiger Beschäftigungsboom sucht in der deutschen Nachkriegsgeschichte seines Gleichen. Die einzige Parallele, die ich gefunden habe, ist die Wirtschaftswunderzeit der Fünfziger- und Sechzigerjahre.


Erwerbstätige sind sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, Beamte, Selbstständige und mithelfende Familienmitglieder
Quelle: Statistisches Bundesamt


Natürlich ist Angela Merkel nicht persönlich für das Jobwunder verantwortlich, ebenso wenig wie Konrad Adenauer der alleinige Vater des Wirtschaftswunders war.

Doch das Anwachsen der Erwerbstätigkeit auf einen Rekordwert bei gleichzeitigem Rückgang der Arbeitslosenquote von elf auf 5,9 Prozent (September 2016) ist alles andere als eine schlechte Bilanz. Nicht zuletzt im Osten hat sich die Lage gebessert.

Dort ist die Arbeitslosenrate zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung unter acht Prozent gefallen.

Der Einwand, dass es sich nur um Minijobber oder Niedriglöhner handle, lässt sich leicht entkräften.
Auch wenn die Situation zwischen Ostsee und Erzgebirge schwieriger ist als im Westen, sind die meisten neu geschaffenen Stellen reguläre Arbeitsverhältnisse.

Der Anteil der geringfügig Beschäftigten geht zurück (was nicht heißt, dass die Löhne überall West-Niveau hätten):


Quelle: Bundesagentur für Arbeit (BA)

Bundesweit lässt sich die gleiche Tendenz geobachten:


Zuletzt waren fünf Millionen von 31,2 Millionen Arbeitnehmern ausschließlich geringfügig beschäftigt,
ein Anteil von 15,9 Prozent!
Quelle: Bundesagentur für Arbeit (BA)


Der Vergleich mit anderen Euroland-Volkswirtschaften zeigt, wie außergewöhnlich der Aufbau von Beschäftigung in Deutschland ist. In keinem anderen Staat der Währungsunion sind so viele Jobs entstanden wie bei uns. In Frankreich (das ökonomisch stärker ist, als es viele wahrhaben oder wahrnehmen wollen) waren es 1,4 Millionen: eine Zuname von sechs Prozent seit 2005.

Diesseits des Rheins ist die Erwerbstätigkeit um mehr als das Doppelte, nämlich um 13 Prozent gewachsen!


Entwicklung der Beschäftigung seit 2005
Quelle: IWF WEO

Dennoch fürchten sich die Bundesbürger vor der Zukunft. Die Unzufriedenheit nicht zuletzt mit der Bundeskanzlerin ist groß. In einer Zeit des wachsenden Wohlstands und der Veränderung zum Guten findet sich Deutschland in einem Zustand der Verunsicherung und geistigen Erschütterung wieder. Und hier gibt es eine Parallele zur Kaiserzeit.

Im Kaiserreich gab es Arbeit für viele, die Reallöhne legten zu und doch sah sich dieses Land bedroht und von Feinden umzingelt.

Mögen wir nicht die gleichen Fehler machen!

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