Sonntag, 17. Januar 2016

Russland und China: Schicksal und Entscheidung

Es waren einmal zwei kommunistische Supermächte, die eines Tages nicht mehr kommunistisch sein wollten, oder sein konnten. Und schon begannen ihre wirtschaftlichen Schicksale zu divergieren.

Das ist jetzt ein Vierteljahrhundert her. Beide sind heute militärische Kolosse von Weltgeltung. Doch die Volkswirtschaften könnten unterschiedlicher kaum sein. Die eine wurde zur ökonomischen Supermacht, die andere zum globalen Rohstofflieferanten.

Die beiden Mächte sind natürlich Russland und China.

Nach dem Fall der Mauer wurden die weltwirtschaftlichen Karten für beide Länder neu gemischt.
Nur wenige prophetisch veranlagte Menschen werden von sich behaupten können, schon 1990 vorhergesagt zu haben, dass sich die Volksrepublik anschicken würde, die Vereinigten Staaten binnen einer Generation als größte Volkswirtschaft der Welt abzulösen.

In Kaufkraft gemessen ist die chinesische Ökonomie seit 2014 größer als die amerikanische, und selbst ohne diese Adjustierung ist das Volumen des chinesischen Bruttoinlandsprodukts mit 2016 schätzungsweise zwölf Billionen Dollar imposant.

Das Gros der Beobachter nahm noch Mitte der Neunzigerjahre an, dass China in der Weltwirtschaft allenfalls als Produktionsstätte für das technologisch weit überlegene Japan eine Rolle spielen würde. Doch Chinas Führung hat, beginnend mit den Sonderwirtschaftszonen, die richtigen Entscheidungen getroffen.


Chinas Wirtschaft ist heute fast zehn Mal so groß wie die Russlands
Quelle: World Economic Outlook


Auch in der Kaufkraft-bereinigten Rechnung fällt Russland zurück
Quelle: IWF


Russland hingegen wurde nach Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 als ökonomische Supermacht in Wartestellung gehandelt. Das größte Land der Welt hat mit 17,1 Millionen Quadratkilometer mehr Fläche als der Zwergplanet Pluto und gilt als so ressourcenreich wie kein anderer Staat.

Im Jahr 1980 maß die Wirtschaftskraft der UdSSR 1.205 Milliarden Dollar, das war fast dreimal so viel wie das, was Rot-China auf die Waage brachte und nur etwas weniger als die Hälfte der amerikanischen Bruttosozialprodukts! Die Sowjetunion brauchte sich auch technologisch lange nicht zu verstecken, woran uns der 60. Jahrestag des Sputnik-Schock 2017 bald erinnern wird.

Doch so wie es aussieht, hat Russland nach dem Fall des Kommunismus wichtige Weichenstellungen verschlafen. Noch immer stellen Öl und Gas knapp 60 Prozent Exporte, was sich in der jetzigen Phase der Rohstoff-Baisse als hoch problematisch erweist.

Die Volksrepublik hingegen ist vom armen Agrarland zur weltgrößten Exportnation aufgestiegen, mit einer breiten Palette von Ausfuhr-Produkten, nicht zuletzt im Hightech-Bereich. Als nächste Stufe wir China den Aufstieg zu einer Dienstleistungsnation versuchen.

Der Computer, an dem ich dies schreibe, stammt ebenso aus dem Reich der Mitte wie mein iPhone.

Ob sich Russland, die militärische Supermacht, ökonomisch neu erfinden kann? Und einen neuen Sputnik startet? Tempus fugit


Auf Schrumpfkurs
Quelle: IWF


Die Zahlen zur Wirtschaftskraft im Jahr 1980 beziehen sich auf das Bruttosozialprodukt. Quelle: Paul Kennedy: Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärische Konflikte von 1500-2000. 
Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch. 5. Auflage 2005

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen