Mittwoch, 16. Dezember 2015

Eine Billion ist futsch

An der Börse sollte man nie aufs falsche Pferd setzen, auch nicht wenn das falsche Pferd ein Baum ist. Oder vielmehr Bäume. Bäume, die vor 300 Millionen Jahren von Schlamm und Geröll bedeckt wurden und die großer Druck und Hitze in den Äonen danach zu Kohle verwandelten.

Spätestens seit dem Klimagipfel von Paris ist klar: Das Karbon-Zeitalter geht zu Ende, unweigerlich. Und womöglich schneller als gedacht.

Die Kapitalmärkte nehmen die "Dekarbonisierung der Weltwirtschaft" in atemberaubendem Tempo vorweg. Man könnte sagen, sie diskontieren den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas. Das Resultat kann man gut und gerne als Platzen der Carbon Bubble bezeichnen: Konzerne der Kohlenstoff-Industrie haben dieses Jahr an der Börse bereits eine Billion Dollar an Marktwert verloren.

Der norwegische Staatsfonds, der weltgrößte Versicherer Allianz und viele andere große Adressen steigen aus. In Kohle zu machen, ist ihnen zu heiß geworden.

Doch der Ausstieg aus den "Dreckschleuder"-Firmen vollzieht sich höchst ungleich. Während Kohle in weniger als einer halben Dekade unter Investoren vollkommen in Misskredit geraten ist - für die Stromerzeugung gibt es zahlreiche andere Optionen ohne Kohlendioxid-Emissionen - werden wir auf den Rohstoff Öl vermutlich noch Jahrzehnte angewiesen sein. Elektroautos sind eine schöne Vision, aber der Diesel- und Benzinschlucker wird unsere Straßen noch lange beherrschen.

Die großen Energieunternehmen werden wohl noch Petroleum pumpen und Cashflows liefern, wenn die letzte Kohlegrube schon lange dicht gemacht wurde und nur noch musealen Charakter hat.

Das ändert nichts daran, dass auch die Ölmultis an der Börse 2015 empfindliche Verluste hinnehmen mussten. Mit einem Minus von 14 Prozent ist der größte Ölkonzern der Welt, ExxonMobil, noch recht glimpflich davon gekommen. Typisch sind diese milden Verluste nicht.


Die Aktie von ExxonMobil im Jahresverlauf, in US-Dollar, mit Umsatz


Bei der Nummer eins der Branche hat sich der Ertrag - nur - halbiert
Quelle: Bloomberg

Die Aktie von Amerikas Nummer zwei, Chevron Corporation, notiert 17 Prozent niedriger als im Januar. Das tut schon ein wenig weh. Deutlich schlimmer sieht es für die niederländisch-britische Royal Dutch Shell aus, die sich dieses Jahr (in Dollar) um 33 Prozent verbilligt hat.

Und dann ist da die brasilianische Petrobras, die dieses Jahr nach den herben Verlusten der Vorjahre um weitere 37 Prozent dezimiert worden ist, in der Hartwährung Dollar wohlgemerkt.

Alles in allem hat Brasiliens einst größter Industriekonzern in den vergangenen fünf Jahren fast 90 Prozent seines Wertes verloren, was aber auch mit dem aufgeflogenen Regierungsfilz zu tun hat. Aktionärsrechte wurden hier noch nie besonders groß geschrieben.

In diesen Größenordnungen bewegen sich auch die Verluste der Bergwerksbetreiber. Selbst in China, wo der Energiehunger schier grenzenlos zu sein schien, sind die guten Zeiten für Kohlegräber passé. China Shenhua Energy, der größte Bergwerksbetreiber im Reich der Mitte, steht an der Börse Hongkong 49 Prozent niedriger als zu Jahresanfang.

Mit der Kohle ist es vorbei, und in dieser Branche sind die Risiken, zu investieren langfristig gewiss weitaus höher als die Chancen. Kohle-Firmen sind etwas für Geierfonds.

Doch auch mit Blick auf die Petroleumwirtschaft ist ein Wort der Mahnung angebracht: Wer als Anleger darauf setzt, dass die Cashflows der Ölförderer auch in Zukunft üppige Dividenden garantieren, sollte sich den Gewinntrend ansehen, und ein zweites Mal nachdenken

Auch bei Exxon sollten Aktionäre die erwartete Ausschüttung von 2,92 Dollar im Jahr in Relation setzen zum erwarteten Gewinn von weniger als vier Dollar pro Aktie! Der Nachfolgekonzern von Rockefellers Standard Oil (S.O.) gilt als das bestgemanagte Unternehmen der Branche.
Dennoch hat sich der Gewinn seit 2014 halbiert.

Beim jetzigen Börsenpreis von knapp unter 80 Dollar bedeutet das ein ambitioniertes Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) von 20. Und die Ertragsprognosen für 2016 sinken weiter rapide.

Das Bild von einem Vogel mit ölverschmiertem Gefieder drängt sich auf


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