Samstag, 14. November 2015

Gold und die magische Tausend

Viele Leute im Edelmetallkosmos scheinen der Meinung zu sein, dass sich unser Schicksal an der Marke von 1000 Dollar pro Feinunze entscheidet. Fällt der Preis unter die Schwelle, passiert Dramatisches, hört man sie raunen.

Weltuntergang, Gelduntergang oder noch Schlimmeres. So in etwa als würde der finstre Dr. Reiss aus "Die Wiege des Lebens" Lara Croft am Ende doch austricksen und die Büchse der Pandora in seine Gewalt bringen. Das Ende der Welt, wie wir sie kennen.


Gold steuert auf sein drittes Verlustjahr in Folge zu (auf Dollar-Basis)
Quelle: Bloomberg

Im Moment sieht es so aus, als sei "die Tausend" beim Gold ein realistisches Szenario. Aber noch ist es nicht soweit. Ich gestehe, dass es mich überraschen würde, sollte der Preis noch weiter absacken. Bisher könnte sich das Metall dem Abwärtstrend der Rohstoffnotierungen ganz gut entziehen.

Gold ist nicht in erster Linie ein Industriegrundstoff, der verbraucht wird, sondern eine alternative Währung. Und langfristig spricht einiges dafür, Edelmetall zu horten. Und sei es als Absicherung gegen das "Undenkbare" einer globalen Finanzkrise.

Im Moment sind es vor allem die steigenden Realzinsen in den USA, die Goldkäfern die Stimmung vermiesen, und die Diskussion über die Zinswende wird noch eine Weile weitergehen.

Besonders schmerzlich: Fällt der Unzenpreis in den nächsten Wochen unter 1000 Dollar, wird das Edelmetall das Jahr 2015 auch in Euro mit einem Minus abschließen. Bisher sind hiesige Gold-Käufer gemessen am Jahresanfang noch im Plus, dem starken Dollar sei Dank.

Kippt das Edelmetall ins Minus, gesellt sich zu einem schwierigen Aktienmarkt, einem schwierigen Euro-Rentenmarkt und einem schwierigen Rohstoffmarkt eine weitere wichtige Anlageklasse, die Pein im Portfolio verursacht. Bleibt der Greenback als der große Gewinner des Jahres.

Das wäre schade, aber niemand hat gesagt, dass Gold jedes Jahr steigen muss. Das einzige, das jedes Jahr schwillt, ist ein Schneeballsystem. Tatsächlich sind lange Seitwärtsphasen für die Alternativwährung eher typisch als anomal, man denke an die Neunzigerjahre.

Was mich aktuell mehr beschäftigt als die Marke von 1000 Dollar sind aber die widersprüchlichen Meldungen aus der Aurosphäre.

Auf der Positivseite vermeldet der Lobbyverband World Gold Council, dass die Metall-Nachfrage im dritten Quartal angezogen ist. Vor allem der Absatz von Münzen und Barren war mit 296 Tonnen ein Drittel höher als im - allerdings schwachen - Vorjahresquartal.

Insgesamt hat die Gold-Nachfrage zwischen Juli und September 2015 um acht Prozent zugelegt, wobei die Impulse klar von den Privatanlegern nicht zuletzt in Mitteleuropa ausgingen.
Wieder mehr Appetit auf Gold hatten auch die Schmuckhändler in Asien.

Und damit kommen wir schon zu der Negativseite: Die Institutionellen haben sich weiter aus dem Markt zurückgezogen.


So wenig haben Profis seit 2009 nicht in "Gold-ETF" investiert
Quelle: Bloomberg


Gerade erst haben die vor allem von Finanzmarkt-Akteuren genutzten Gold-Indexfonds ein Sechs-Jahres-Tief ihrer Bestände vermeldet. Allein im dritten Quartal trennten sich die Profis von beachtlichen 66 Tonnen Edelmetall.

Zurückhaltender in ihren Gold-Käufen waren auch die Zentralbanken. Sie stockten ihre Reserven im dritten Quartal um 175 Tonnen auf - drei Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2014. Allein 77 Tonnen davon entfallen nach Informationen des World Gold Council auf Russland, weitere 50 Tonnen auf China.


Russlands Goldhunger bleibt immens
Quelle: World Gold Council


Da wundert es nicht mehr, dass der Goldpreis Mitte November zeitweise auf 1.074 Dollar gefallen ist, den niedrigsten Stand seit Februar 2010. In unserer Währung liegt der Kurs nur noch knapp über der Marke von 1000 Euro.

Unter großen Investoren und Notenbankern ist Gold gerade definitiv nicht in. Die einzigen, die den Preis oben halten, sind Privatanleger. Deren anhaltende Flucht ins Edelmetall scheint mir von einer tiefen Verunsicherung zu künden.


Quelle: World Gold Council 


Während Sparer die Weltlage als beklemmend und bedrohlich empfinden und Zuflucht im sicheren Hafen Gold suchen, setzen Profis weiter auf Wertpapiere, Papierwerte: Aktien und Anleihen. Die Börsenrally ist aus ihrer Sicht noch lange nicht vorbei.





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