Montag, 14. September 2015

Lehman and me (and a stolen shirt)

Der 15. September 2008 war einer der schrecklichsten Tage meines Lebens. Banken können pleite gehen und die Pleite einer großen Bank hat das Zeug, das internationale Finanzsystem ins Wanken zu bringen, das alles war mir theoretisch zwar bewusst, aber bis zu jenem Datum hätte ich es mir ehrlich gesagt nie träumen lassen, dass ich es würde erleben müssen.

Als nun sogar ein mittelgroßes, relativ spezialisiertes Geldhaus mit mittlerer Reputation eine finanzielle Kettenreaktion auslöste, war ich geschockt. Wenn mir ein Hang zum Pathos angeboren wäre, würde ich sagen: An jenem Tag ist in mir etwas zerbrochen.

Zerbrochen sind am 15. September 2008 aber vor allem ganz entscheidende Korrelation, wichtige negative Korrelationen zumal: Eine ganze Menge Vermögenswerte, die sich entgegengesetzt bewegen sollten, zeigten eine Zeit lang den gleichen Preistrend: senkrecht nach unten.

Was nützt ein Zertifikat auf einen fallenden Dax als Absicherung, wenn das Geldhaus, welches das Zertifikat ausgestellt hat, kein Geld mehr hat und womöglich bald nicht mal mehr ein Haus?

Am 15. September 2008 und in den Wochen und Monaten danach sind wir alle klüger geworden, die Klugen unter uns zuvorderst. Denn die Klugen "wussten", dass so etwas wie Lehman in unserer nicht passieren konnte. Nachher wussten sie es besser. Vorher hatten sie es also schlecht gewusst.

Das alles weiß man heute, im Nachhinein. Wenn es eine Erziehung des Herzens gibt, dann auch eine Erziehung des Schmerzens.

Meine Beziehung zu Nine Fifteen nahm später eine tragikomische Wendung. Als der Schmerz ein oder zwei Jahre danach zu Ehrfurcht geronnen war, gestaltete ich mir im Internet ein T-Shirt.
Darauf prangte in fetten magentafarbenen Lettern auf schwarzem Grund:

CENTURY OF LEHMAN

Das war der Stolz des Überlebenden, pink hochgezickt. Etwas dick aufgetragen, vielleicht. Doch das war echt. Denn es entsprang nicht nur der seelentiefen Erleichterung, einigermaßen heil aus der schwersten Finanzkrise seit 1931 herausgekommen zu sein. Sondern auch der Erkenntnis, dass ich es als Alt-Banker besser hätte wissen müssen. Was uns bei Hebel 20 blüht. Oder wenn nicht wissen, so doch ahnen. Insofern war das T-Shirt nicht nur der mit stolz getragene Habit des Veteranen. Es war auch ein Büßergewand.

So passte es denn auch, dass ich das T-Shirt besonders oft zum Joggen und zum Schuften in meinen Sporttempel an der Schönhauser Allee anzog.

Soweit die Tragik.


Das einzige, was mir von meinem Büßergewand blieb: ein Schnappschuss
Foto: Daniel Eckert


Doch dann war ich so unvorsichtig, das T-Shirt in der Umkleide liegen zu lassen. Als ich einen Tag später nachfragte, hatte es sich jemand unter den Nagel gerissen. Ein Century-of-Lehman-Shirt verschwindet nicht so einfach wie ein CDO oder ein Subprime-Collateral. Gestohlen also.

Falls Euch in Berlin oder anderswo jemand mit einem pink-schwarzen Century-of-Lehman-Shirt über den Weg läuft, sagt mir Bescheid. Oder besser ruft: "Haltet den Dieb!"

I almost went bust with Lehman, and I didn't even keep the lousy shirt

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