Mittwoch, 23. September 2015

Urban legends

Ein urbaner Mythos besagt, dass die niedrigen Zinsen die Deutschen zu Konsum-Monstern machen. Die Psychologie des homo oeconomicus werde dadurch deformiert, das Sparen als Voraussetzung der Kapitalbildung entmutigt, lautet die Theorie dazu.

Doch ist das wirklich so? Theorien müssen sich an der Wirklichkeit messen lassen. Ebenso urbane Legenden. Ein Jahr, nachdem die Europäische Zentralbank EZB den Leitzins auf null gesenkt hat, lässt sich eine Zwischenbilanz ziehen.

Demnach hat sich das Tempo des Sparens in Deutschland kaum verändert. Im zurückliegenden Jahr haben die Bundesbürger fast jeden Monat Geld auf die hohe Kante gelegt. Das Verhaltensmuster ist das gleiche wie in den Jahren vor dem Nullzins. Die Bankeinlagen der privaten Haushalte stiegen seit dem Spätsommer 2014 um rund 100 Milliarden Euro.


Die Bankeinlagen der privaten Haushalte
Quelle: Bloomberg


Und das obwohl der durchschnittliche Tagesgeldzins in den vergangenen zwölf Monaten von 0,57 Prozent auf 0,40 Prozent abgerutscht ist, wie aus Berechnungen des Vergleichsportals www.tagesgeldvergleich.net hervorgeht.

Bezeichnenderweise hatte bereits das Zurückgehen des Tagesgeldzinses von gut zwei Prozent auf dann 0,57 Prozent in den drei Jahren zuvor keine erkennbare Auswirkungen auf das Sparverhalten in Deutschland

Sind die Deutschen also völlig gaga? Sind sie irrational, weil sie ihr Geld auf dem Konto gammeln lassen statt es mit vollen Händen ausgeben, obwohl der Konsumverzicht doch gar keine Prämie, keine Belohne in Gestalt von Bonuspunkten vulgo Zinsen mehr verspricht?

Nein, und das aus zwei Gründen. Zum einen ist nicht nur der Zins historisch niedrig. Sondern auch die Inflation. Die Kaufkraft von Geld auf dem Konto vermindert sich also kaum.

Ein Tagesgeldzins von zwei Prozent klingt attraktiv, aber nur wenn die Geldentwertung nicht bei sagen wir 2,5 Prozent liegt. Die besten Tagesgeld-Konten locken derzeit mit ein Prozent Jahreszins, während die offizielle Teuerung 0,2 Prozent beträgt.


Der "echte Zins" war schon deutlich niedriger, zum Beispiel 2011-2013
Quelle: Bloomberg, eigene Recherche


Relativ gesehen ist es weiter vernünftig, eine Notfallreserve "auf der Bank" zu haben. Dazu kommt noch: Die niedrigen Zinsen zwingen mich dazu, jeden Monat mehr aufs Konto zu packen, wenn ich einen bestimmten Betrag erreichen will.

Bei einem Zinssatz von zwei Prozent reichen 258 Euro im Monat, um in 25 Jahren ein Sparziel von 100.000 Euro etwa für die Altersvorsorge zu erreichen. Bei 0,5 Prozent sind es schon 313 Euro im Monat, also 55 Euro mehr.

So verwandeln sich die Deutschen im Niedrigzinsumfeld also nicht in Konsum-Monster? Sondern in Supersparer? Bares und Geld auf dem Konto kann eine rationale Geldanlage sein. Wenn andere Investments, wie Aktien oder Industrieanleihen, an Wert verlieren.

Die Rechnung geht natürlich nur auf, solange es keinen inflationären Schock gibt und die Geldentwertung plötzlich viel schneller anzieht als der Zins.

Und dann muss auch gewährleistet sein, dass das Geld "auf dem Bank" wirklich sicher ist

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