Dienstag, 29. September 2015

Protegierte Industrie?



Schlimmster Absturz in der VW-Geschichte: 43 Prozent Minus in zwei Wochen
Quelle: Bloomberg
Nach allem, was wir bisher wissen, tricksen deutsche Autobauer bei Abgas- und Verbrauchswerten mehr als zum Beispiel Franzosen (Renault) oder Japaner (Toyota).

Woran könnte das liegen? Der Liberale in mir hat die "Industriepolitik" von Bund und Ländern in Verdacht: Die Autoindustrie ist für unsere Wirtschaft insgesamt wichtiger als der Autosektor anderer Staaten für ihre Ökonomien. Von daher ist unsere Autoindustrie besonders schützenswert


Dann gibt es da natürlich noch den Staatseinfluss bei Volkswagen mit den vielfältigen politisch-personellen Verflechtungen

Wein und Gold - eine geheime Verbindung

Fine wine prices seem to correlate with the gold price. They follow the ebb and flow of non-financial assets

Während die deutschen Weine Spitzenpreise erzielen, erleben die französischen Grands crus eine Marktschwäche. Der von Bordeaux und Bourgogne dominierte Edelwein-Index Liv-Ex100 hat sich dieses Jahr kaum von der Stelle bewegt und notiert immer noch ein Drittel unter seinem Hoch vom Herbst 2011.

Da hat nicht einmal die 1,1-Billionen-Geldspritze von Mario Draghi geholfen. Deren ausbleibender Effekt auf die Preise ist ein Thema, über das wir noch zu sprechen kommen werden.



Quelle: Bloomberg/Liv-Ex

Interessant ist aber etwas anderes: Die Preisentwicklung LivEx-Spitzenweine ähnelt verblüffend dem Kursverlauf von Gold:


Quelle: Bloomberg


Auch beim Edelmetall sehen wir ein Hoch im Herbst 2011, gefolgt von zuerst einer jähen Abwärts- und dann einer langen Seitwärtsbewegung. Bei Bordeaux ist oft zu lesen, die Rekordpreise von 2011 seien eine natürliche Reaktion auf die außergewöhnliche Qualität der vorangegangenen Jahrgänge 2009 und 2010 gewesen.
Die folgenden schwachen Jahrgänge 2011, 2012 und 2013 hätten das Interesse von Kennern und Investoren schließlich erlahmen lassen. So die landläufige Erklärung. 

Die bemerkenswerte Korrelation zu Gold zeigt aber, dass zumindest noch ein weiterer Faktor im Spiel gewesen sein könnte. Das gelbe Metall kennt keine Jahrgangs- und Qualitätsunterschiede. Es ist ein homogenes Gut.

Offensichtlich folgen die Preise investierbarer Weine in der gleichen Ebbe und Flut, die auch den Preis des Sachwerts Gold bestimmen



Montag, 28. September 2015

Die Saar ist Weltspitze!

The world's most valuable (young) wine is a Saar Riesling.

Der teuerste junge Wein der Welt ist kein Margaux, Pétrus und kein Lafite, sondern ein Egon Müller. Die 2003er Trockenbeerenauslese vom Scharzhofberg an der Saar hat jetzt bei einer Auktion in Trier einen Rekordpreis erzielt: 12.0000 Euro pro Flasche (0,75 Liter).

Inklusive Kommission und Mehrwertsteuer zahlte der glückliche Sammler nach Angaben des VDP 14.565,60 Euro. Bei einem Nettopreis von 12.000 Euro und 22 versteigerten Flaschen konnte Egon Müller-Scharzhof 264.000 Euro einnehmen.

Dazu kamen noch mal 198.000 Euro für die 36 "halben" Flaschen (0,375 Liter), die zu je 5.500 Euro unter den Hammer kamen. Also insgesamt fast eine halbe Million Euro (462.000 Euro) für 30 Liter Wein. Glückwunsch, Egon Müller, das ist Weltklasse.

Insgesamt wurde in Trier Rebensaft für 1,7 Millionen Euro auktioniert. Ein paar andere Aufsehen erregende Ergebnisse der Prädikatsweinversteigerung Großer Ring 2015:


Quelle: Verband der Prädikatsweingüter (VDP)

Egon Müller IV. hat das Gut in Wiltingen an der Saar im Jahr 1991 übernommen. Der vierte Spross der Winzerdynastie mit diesem Namen baut ausschließlich Riesling an. Das weltweit bekannte Gut produziert maximal 90.000 Flaschen im Jahr.

Zum Vergleich: Das berühmte Bordeaux-Gut Château Lafite-Rothschild hat Zweitwein eingerechnet einen Ausstoß von jährlich bis zu 500.000 Flaschen

Mittwoch, 23. September 2015

Schnäppchen Volkswagen?

It rarely pays off to bet on fallen angels in the stock market. Neither oil giant BP nor German banks nor German utility companies E.on and RWE have recovered to former highs.

Volkswagen hat seit Bekanntwerden der Abgas-Manipulation an der Börse fast 30 Milliarden Euro an Marktwert verloren. Viele fragen, ob sie die VW-Aktie zu diesem "Schnäppchen-Preis" jetzt nicht kaufen sollen.


Das Image von Volkswagen ist ramponiert, wie dieses Emblem auf einem Beetle
Foto: Daniel Eckert

Nicht so schnell, sagen die Marktinspektoren der Société Générale (SocGen). Allein die Strafe für die mutmaßlich Täuschung der US-Umweltbehörden könnte den Jahresgewinn des Konzerns mehr als aufzehren.

Konzerne, die wegen eines Skandals oder wegen eines Managementfehlers schlagartig abschmieren, werden an der Börse gefallene Engel (fallen angels) genannt. Sind solche gefallenen Engel ein gutes Investment?

Als abschreckendes Beispiel nennen die SocGen-Experten den britische Energiekonzern BP nach dem Deepwater-Horizon-Unglück im April 2010.

Die Explosion auf einer von BP geleasten Ölplattform im Golf von Mexiko führte damals zu einer der schlimmsten Umweltkatastrophen aller Zeiten und hat für die Briten bisher Folgekosten von insgesamt 55 Milliarden Dollar (ca. 49 Milliarden Euro) nach sich gezogen.

Die Parallele zu Volkswagen liegt natürlich in den möglichen US-Schadenersatzklagen.

Quelle:  Screenshot Société Générale


Ähnlich wie heute VW stürzte BP damals an der Börse ab. Doch ein wirklich gutes Investment war die Aktie nur für den, der wirklich am absoluten Tiefpunkt kaufte.

Wer kein Glücksritter des perfekten Moments war, wäre mit einem Indexfonds auf den MSCI World oder den britischen FTSE100 besser gefahren.


Kursverlauf von BP: Die Stände von vor Deepwater Horizon liegen in weiter Ferne
Quelle: Bloomberg


Selbst wer das Tief des Ölriesen 2010 abpasste, fuhr mit einem Indexfonds (gelbe und rote Linie) besser
als mit der BP-Aktie (weiße Linie)
Quelle: Bloomberg


Und wer könnte heute schon sagen, wann Volkswagen am Tiefpunkt ist? Man denke nur an die deutschen Versorger. Oder den Weltmeister der Gewinnwarnungen: Bilfinger. Oder die Commerzbank.

Natürlich gibt es auch einige Gegenbeispiele wie Bayer nach dem Lipobay-Skandal. Doch die ändern nichts am allgemeinen Trend.

Auf die gefallenen Engel zu setzen, zahlt sich an der Börse nur selten aus


Urban legends

Ein urbaner Mythos besagt, dass die niedrigen Zinsen die Deutschen zu Konsum-Monstern machen. Die Psychologie des homo oeconomicus werde dadurch deformiert, das Sparen als Voraussetzung der Kapitalbildung entmutigt, lautet die Theorie dazu.

Doch ist das wirklich so? Theorien müssen sich an der Wirklichkeit messen lassen. Ebenso urbane Legenden. Ein Jahr, nachdem die Europäische Zentralbank EZB den Leitzins auf null gesenkt hat, lässt sich eine Zwischenbilanz ziehen.

Demnach hat sich das Tempo des Sparens in Deutschland kaum verändert. Im zurückliegenden Jahr haben die Bundesbürger fast jeden Monat Geld auf die hohe Kante gelegt. Das Verhaltensmuster ist das gleiche wie in den Jahren vor dem Nullzins. Die Bankeinlagen der privaten Haushalte stiegen seit dem Spätsommer 2014 um rund 100 Milliarden Euro.


Die Bankeinlagen der privaten Haushalte
Quelle: Bloomberg


Und das obwohl der durchschnittliche Tagesgeldzins in den vergangenen zwölf Monaten von 0,57 Prozent auf 0,40 Prozent abgerutscht ist, wie aus Berechnungen des Vergleichsportals www.tagesgeldvergleich.net hervorgeht.

Bezeichnenderweise hatte bereits das Zurückgehen des Tagesgeldzinses von gut zwei Prozent auf dann 0,57 Prozent in den drei Jahren zuvor keine erkennbare Auswirkungen auf das Sparverhalten in Deutschland

Sind die Deutschen also völlig gaga? Sind sie irrational, weil sie ihr Geld auf dem Konto gammeln lassen statt es mit vollen Händen ausgeben, obwohl der Konsumverzicht doch gar keine Prämie, keine Belohne in Gestalt von Bonuspunkten vulgo Zinsen mehr verspricht?

Nein, und das aus zwei Gründen. Zum einen ist nicht nur der Zins historisch niedrig. Sondern auch die Inflation. Die Kaufkraft von Geld auf dem Konto vermindert sich also kaum.

Ein Tagesgeldzins von zwei Prozent klingt attraktiv, aber nur wenn die Geldentwertung nicht bei sagen wir 2,5 Prozent liegt. Die besten Tagesgeld-Konten locken derzeit mit ein Prozent Jahreszins, während die offizielle Teuerung 0,2 Prozent beträgt.


Der "echte Zins" war schon deutlich niedriger, zum Beispiel 2011-2013
Quelle: Bloomberg, eigene Recherche


Relativ gesehen ist es weiter vernünftig, eine Notfallreserve "auf der Bank" zu haben. Dazu kommt noch: Die niedrigen Zinsen zwingen mich dazu, jeden Monat mehr aufs Konto zu packen, wenn ich einen bestimmten Betrag erreichen will.

Bei einem Zinssatz von zwei Prozent reichen 258 Euro im Monat, um in 25 Jahren ein Sparziel von 100.000 Euro etwa für die Altersvorsorge zu erreichen. Bei 0,5 Prozent sind es schon 313 Euro im Monat, also 55 Euro mehr.

So verwandeln sich die Deutschen im Niedrigzinsumfeld also nicht in Konsum-Monster? Sondern in Supersparer? Bares und Geld auf dem Konto kann eine rationale Geldanlage sein. Wenn andere Investments, wie Aktien oder Industrieanleihen, an Wert verlieren.

Die Rechnung geht natürlich nur auf, solange es keinen inflationären Schock gibt und die Geldentwertung plötzlich viel schneller anzieht als der Zins.

Und dann muss auch gewährleistet sein, dass das Geld "auf dem Bank" wirklich sicher ist

Donnerstag, 17. September 2015

Die Maß kostet erstmals mehr als zehn Euro

The average price for the Oktoberfest Maß (1 litre of beer) will be more than 10 euros this year for the first time ever. And the general Wiesn inflation will bei 3.6 per cent, way higher than general consumer price inflation in Germany. 

Das Maß ist voll, oder besser: Die Maß. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Auf dem am 19. September beginnenden Oktoberfest wird der Liter Bier im Schnitt erstmals mehr als zehn Euro kosten. In einzelnen Zelten kostete die Maß schon letztes Jahr so viel, aber nicht flächendeckend.

Vergangenes Jahr wurde der Liter Bier in den knapp drei Dutzend  Wiesn-Zelten im Mittel noch für 9,90 Euro ausgeschenkt, 2015 sind es nun 10,20 Euro, wie die Ökonomen von UniCredit Bank in München ausgerechnet haben. Das Maximum auf der Theresienwiese liegt heuer bei 10,40 Euro, nach 10,10 Euro im Vorjahr.


Quelle: UniCredit, www.oktoberfest.de, eigene Recherche

Das entspricht einer Teuerung von gut drei Prozent, weit über der allgemeinen Inflationsrate (VPI) in Deutschland, die zuletzt bei 0,2 Prozent lag. Die UniCredit Bank und ihre Münchner Vorgängerin HypoVereinsbank werten das Oktoberfest-Preisniveau schon seit Jahren aus, und seit Jahren zeigt es deutlich nach oben.

Die Banker haben sogar einen eigenen Index erstellt, den Wiesn Visitor Price Index (WVPI), der auch Transport und Bankhendl umfasst. Die Oktoberfest-Preise insgesamt ziehen dieses Jahr sogar noch stärker als als der Bierpreis, nämlich um 3,6 Prozent.

Im Jahr 2014 war der Wiesn Visitor Price um zwei Prozent geklettert, im Jahr 2013 um 3,6 Prozent.


Die Wiesn ist ein teures Vergnügen. Die Besucher kommen trotzdem in Scharen.
Im Jahr 2014 waren es 6,3 Millionen aus aller Welt
Quelle: UniCredit


"Das letzte mal, dass die Verbraucherpreise in Deutschland insgesamt so schnell stiegen wie die Wiesn-Preise 2015, war 1992 und 1993", merkt UniCredit-Ökonom Thomas Strobel an.

Seit 1985 hat sich der Besuch der Wiesn inklusive Transport und Hendl im Schnitt um 3.9 Prozent im Jahr verteuert, mehr als doppelt so stark wie die deutschen Konsumentenpreise im Allgemeinen (1,8 Prozent). Auf dem größten Volksfest der Welt ist Inflation also nichts Neues.

Als Erklärung führen Strobel und seine Kollegen den Kostenfaktor Sicherheit, sprich Regulierung, an. Auch der Mangel an Konkurrenz trägt ihrer Meinung dazu bei. Denn ausschenken dürfen nur Brauereien, die eine bestimmte Größe haben und in München produzieren.

"Assessing the higher price increases at the Oktoberfest, it needs (...) to be mentioned that there has also been a clearly disproportionate increase in the costs of erecting and operating a Wiesn tent, not least because of the much more stringent security requirements. Furthermore, the competitive situation at the Oktoberfest is completely different compared to that of restaurants and the retail beer trade in Germany."

Unter dem Strich ist es eben so, dass die Wiesn ein besonderes Erlebnis ist. Da fällt ein Aufschlag von 30 Cent je Liter kaum ins Gewicht. Wer eine Reise nach München macht, um im Hofbräuhaus-Festzelt oder in der Paulaner-Festhalle zu schunkeln, achtet ebenso wenig auf den Euro wie der Apple-Fanboy, wenn er sich das nächste iPhone zulegt.

Das Oktoberfest bleibt das Maß aller Feste. Oder heißt es: die Maß?

Mittwoch, 16. September 2015

The world's best fiat money

Since the collapse of Bretton Woods in 1971 the Swiss franc has appreciated by a stunning 342 per cent against the U.S. dollar. That's what I call a haven

Diese Woche war ich böse und habe in der "Welt" ein klein wenig am Mythos des Schweizerfrankens gekratzt. Doch keine Sorge, das eidgenössische Geld wird weiter eine sichere Bank bleiben, auch wenn es im Moment als Fluchtwährung nicht mehr ganz so gefragt ist.

Der Devisenmarkt folgt eigenen Gesetzen. Dort wirken Kräfte, die wenig mit der Konjunktur dies- und jenseits der Grenze zu tun haben, sondern von spekulativen Kapitalströmen ausgehen.

Blickt man über Ebbe und Flut dieser Ströme hinweg, ist der Schweizerfranken vermutlich die beste Währung der Welt diesseits von Gold. Wie gut der Franken ist, erkennt man erst im Vogelflug der historischen Perspektive.


Wertentwicklung des Schweizerfranken (CHF) in Dollar seit 1971
Quelle: Fed St. Louis


Es ist die besondere Kombination von Sicherheit, Eigenständigkeit und Konkurrenzfähigkeit, die den Reiz der Eidgenossenschaft ausmacht. Vor 200 Jahren noch eines der ärmeren Länder in Europa, hat die acht Millionen Einwohner zählende Schweiz heute eine fast ebenso so hohe Wirtschaftskraft (685 Milliarden Dollar) hat wie die Türkei (800 Milliarden Dollar), die fast zehnmal so viele Einwohner zählt.

Ein Amerikaner, der 1971 die kluge Entscheidung traf, 100.000 Dollar bei einer Schweizer Bank in helvetische Währung zu tauschen und zu deponieren, könnte sich heute über den Gegenwert von 442.000 Dollar freuen!

Damals, vor 44 Jahren, mussten noch 4,30 Franken für einen Dollar bezahlt werden, aktuell kostet der Greenback weniger als einen Franken! Und das Gute: Er wäre seit 1971 nie im Minus gewesen.

Zinsen außen vor ergibt sich allein durch die Wechselkursverschiebungen zwischen Dollar und Franken ein jährlicher Wertzuwachs von 3,4 Prozent. Auf dem Girokonto, wohlgemerkt.
Ohne jede Anstrengung und ohne Anlageentscheidung als dem Währungstausch.

Das soll den Eidgenossen erst mal einer nachmachen!




Dienstag, 15. September 2015

Funny markets or funny Germans?

The Fukushima Daiichi nuclear disaster of March 2011 and the traumata it caused have changed the world. Sometimes in ways you wouldn't have expected

German utility companies E.on and RWE have now lost more market value than Japanese utility TEPCO since the Fukushima accident.


Geen line: German utility RWE, white line: TEPCO - Performance since Fukushima
Source: Bloomberg
That's strange because the nuclear power station that exploded in March 2011 belonged to TEPCO and not to E.on or RWE.

But while the German government forces energy utilities to shut down all their nuclear reactors by the end of 2022, idled Japanese power plants will be brought back online year after year


15. September 2008 ... war da was?

Wenn mit der Pleite von Lehman heute vor sieben Jahren ein neues Zeitalter begonnen hat, dann hält sich das neue Zeitalter an den Kapitalmärkten ziemlich gut verborgen.

Die wichtigsten Anlageklassen haben sich seither in etwa so entwickelt wie im historischen Schnitt der vergangenen 30 Jahre.


Quelle: Bloomberg

Deutsche und amerikanische Aktien legten einschließlich Dividende um sieben und acht Prozent per annum zu. Wohlgemerkt, die Daten beziehen sich auf den letzten Einstiegszeitpunkt vor dem großen Absturz, also ehe man zu den Schnäppchenkursen des Winters 2008/09 (nach)kaufen konnte.

Gold und Staatsanleihen haben etwas schlechter abgeschnitten als Standardwerte. Aber da sie keine Beteiligung an Unternehmen sind, die Wohlstand schaffen, lässt sich das ökonomisch begründen.

Etwas hinter dem Trend zurückgeblieben ist die Wertentwicklung europäischer Anteilscheine. Die Strukturschwäche der Euro-Zone fordert ihren Tribut. Und doch wird sich kaum jemand über eine Jahresrendite von rund vier Prozent beklagen. Eher schon über die teils seekrank machenden Kursschwankungen an Börsen wie Rom oder Madrid.

Die große negative Ausnahme vom positiven Gesamttrend sind Bank- und Energieaktien. Ersteren haben Regulierungen und Strafzahlungen die Margen verhagelt, letzteren Energiewende und Carbon Bubble.

E.on-Aktionäre haben seit dem Tag vor Lehman zwei Drittel ihres eingesetzten Geldes verloren. Eine Beteiligung an RWE verminderte das Vermögen seit September 2008 um brutale 72 Prozent, Ausschüttungen eingerechnet.

Auch die deutschen Finanztitel bleiben auf Siebenjahressicht Wertvernichter, splitbereinigt steht die Commerzbank heute 90 Prozent niedriger als damals, die Deutsche 49 Prozent. Ausschüttungen hellen die Bilanz etwas auf, das Minus beträgt dann 41 Prozent. Land ist für die Aktionäre des größten Geldhauses aber nicht in Sicht.

Ansonsten gilt: Nine Fifteen? 15. September 2008? War da was?

Montag, 14. September 2015

Lehman and me (and a stolen shirt)

Der 15. September 2008 war einer der schrecklichsten Tage meines Lebens. Banken können pleite gehen und die Pleite einer großen Bank hat das Zeug, das internationale Finanzsystem ins Wanken zu bringen, das alles war mir theoretisch zwar bewusst, aber bis zu jenem Datum hätte ich es mir ehrlich gesagt nie träumen lassen, dass ich es würde erleben müssen.

Als nun sogar ein mittelgroßes, relativ spezialisiertes Geldhaus mit mittlerer Reputation eine finanzielle Kettenreaktion auslöste, war ich geschockt. Wenn mir ein Hang zum Pathos angeboren wäre, würde ich sagen: An jenem Tag ist in mir etwas zerbrochen.

Zerbrochen sind am 15. September 2008 aber vor allem ganz entscheidende Korrelation, wichtige negative Korrelationen zumal: Eine ganze Menge Vermögenswerte, die sich entgegengesetzt bewegen sollten, zeigten eine Zeit lang den gleichen Preistrend: senkrecht nach unten.

Was nützt ein Zertifikat auf einen fallenden Dax als Absicherung, wenn das Geldhaus, welches das Zertifikat ausgestellt hat, kein Geld mehr hat und womöglich bald nicht mal mehr ein Haus?

Am 15. September 2008 und in den Wochen und Monaten danach sind wir alle klüger geworden, die Klugen unter uns zuvorderst. Denn die Klugen "wussten", dass so etwas wie Lehman in unserer nicht passieren konnte. Nachher wussten sie es besser. Vorher hatten sie es also schlecht gewusst.

Das alles weiß man heute, im Nachhinein. Wenn es eine Erziehung des Herzens gibt, dann auch eine Erziehung des Schmerzens.

Meine Beziehung zu Nine Fifteen nahm später eine tragikomische Wendung. Als der Schmerz ein oder zwei Jahre danach zu Ehrfurcht geronnen war, gestaltete ich mir im Internet ein T-Shirt.
Darauf prangte in fetten magentafarbenen Lettern auf schwarzem Grund:

CENTURY OF LEHMAN

Das war der Stolz des Überlebenden, pink hochgezickt. Etwas dick aufgetragen, vielleicht. Doch das war echt. Denn es entsprang nicht nur der seelentiefen Erleichterung, einigermaßen heil aus der schwersten Finanzkrise seit 1931 herausgekommen zu sein. Sondern auch der Erkenntnis, dass ich es als Alt-Banker besser hätte wissen müssen. Was uns bei Hebel 20 blüht. Oder wenn nicht wissen, so doch ahnen. Insofern war das T-Shirt nicht nur der mit stolz getragene Habit des Veteranen. Es war auch ein Büßergewand.

So passte es denn auch, dass ich das T-Shirt besonders oft zum Joggen und zum Schuften in meinen Sporttempel an der Schönhauser Allee anzog.

Soweit die Tragik.


Das einzige, was mir von meinem Büßergewand blieb: ein Schnappschuss
Foto: Daniel Eckert


Doch dann war ich so unvorsichtig, das T-Shirt in der Umkleide liegen zu lassen. Als ich einen Tag später nachfragte, hatte es sich jemand unter den Nagel gerissen. Ein Century-of-Lehman-Shirt verschwindet nicht so einfach wie ein CDO oder ein Subprime-Collateral. Gestohlen also.

Falls Euch in Berlin oder anderswo jemand mit einem pink-schwarzen Century-of-Lehman-Shirt über den Weg läuft, sagt mir Bescheid. Oder besser ruft: "Haltet den Dieb!"

I almost went bust with Lehman, and I didn't even keep the lousy shirt

Did China's central bank kill the gold boom?

Gold bugs should be worried about China's shrinking FX reserves. That's because they have an effect on US real yields which make bullion investments attractive - or not.

Die Zusammenhänge zwischen Chinas Aufstieg und der Goldpreis-Hausse der Jahre 2002 bis 2011 sind unstrittig. Eine wohlhabender werdende Mittelschicht kauft mehr Edelmetall - als Absicherung und als Statussymbol. Wohlstandsgold war eine der großen "Stories", die die Rallye in der vergangenen Dekade antrieben.

Doch der China-Faktor wirkt auch auf einer anderen Ebene auf den Goldpreis ein, nämlich über die Notenbankpolitik und die Devisenreserven. Und dieser Effekt sollte Anhänger der alternativen Währung im Moment beunruhigen.

Der erste Schlag versetzte den Goldkäfern die People's Bank of China (PBoC) Mitte Juli, als sie mitteilte, in den vergangenen fünf Jahren nur 604 Tonnen des gelben Metalls gekauft zu haben. Die Zentralbank in Peking blieb damit weit hinter den Flüsterprognosen ("die haben längst 5000 Tonnen oder mehr" etc.) zurück.

Größere Sorge muss Fans des Edelmetalls aber ein zweiter Effekt machen, und das hängt mit dem "conundrum" zusammen. Als conundrum oder auf Deutsch Rätsel hat Alan Greenspan, der frühere Chef der Federal Reserve, 2004 eine verstörende Anomalie an den Bondmärkte bezeichnet: Obwohl die US-Notenbank den Leitzins nach oben wuchtete, gingen die Marktzinsen der lang laufenden Anleihen zurück.

Die plausibelste Erklärung dafür: Beim Aufbau seiner Devisenreserven kaufte China so viele Dollar-Papiere, dass sie deren Kurs mit ihrer brachialen Nachfrage deutlich nach oben trieb und die Rendite spiegelbildlich nach unten.

Was hat das mit dem Goldpreis zu tun? Da damals die Inflation nicht im gleichen Maß zurückging, blieb Anleihe-Investoren unter dem Strich weniger Zins zum Kaufkraft-Ausgleich: Die Kurve der Realrendite drehte deutlich nach Süden.

Zwischen 2002 und 2008 sackte die reale Verzinsung in den USA, bezogen auf Treasuries mit zehn Jahren Laufzeit, von vier auf minus zwei Prozent.

Eine sinkende Realrendite aber ist das ideal Umfeld für Gold als Investment.


Realrendite 10-jähriger US-Staatsanleihen (Treasuries),
errechnet aus Nominalrendite abzüglich Verbraucherpreis-Inflation
Quelle: Bloomberg

Mit Ausnahme einer mächtiger Gegenbewegung in der Finanzkrise 2009 blieb die amerikanische Realrendite lange Zeit unten. Doch nun scheint sich die Situation ins Gegenteil zu verkehren: Trotz zurückgehender Inflationserwartungen und extrem niedriger Inflationszahlen bleiben die US-Zinsen hoch: Hurra, die Realrendite steigt wieder!


Zuerst schwollen Chinas Devisenreserven schier unaufhörlich an.
Doch seit 2014 schmilzt der Devisenschatz
Quelle: Bloomberg

Die plausibelste Erklärung dafür sind nennenswerte Anleihen-Verkäufe durch die Chinesen. Deren Devisenreserven schwinden nämlich, allein seit August 2014 um gut 400 Milliarden Dollar. Die schwächere Konjunktur und das Verblassen der BRIC-Wachstumstory fordern ihren Tribut.

Denn schwindende Fremdwährungsreserve sind auch bei anderen großen Schwellenländer wie etwa Brasilien zu beobachten, die mit einer Litanei von Problemen zu kämpfen haben. Wachstumsschmerzen fast überall.

Jedoch ist die Volksrepublik der mit Abstand größte Spieler auf diesem Terrain. Aktuell gebietet Peking über knapp ein Drittel aller Devisenreserven auf dem Globus. Der nächst größte Staatsschatz wird ebenfalls von einer asiatischen Nation gehalten: von Japan.

Dessen Wirtschaft rutscht 2015 einmal mehr in die Rezession.

Wer also wirklich wissen will, in welche Richtung sich der Goldkurs bewegt, sollte weniger auf das Gefasel von Verschwörungstheoretikern hören. Er sollte diese vier Daten im Blick behalten:


1. Gold-Käufe chinesischer Anleger und Sparer

2. Gold-Käufe der chinesischen Zentralbank

3. Auf- und Abbau der chinesischen Devisenbestände

4. Entwicklung der Realrendite lang laufender US-Staatsanleihen


Auch wenn wir es gern anders hätten: Was das Edelmetall angeht, ist Mitteleuropa nicht der Nabel der Welt. Der Goldkurs wird mehr in Asien und in den Schwellenländern gemacht, als uns lieb sein kann




Sonntag, 13. September 2015

Warum unsere Währung nicht ins Bodenlose fällt

Strong dollar forever? Think twice. The United States is a current account deficit economy. So the euro should appreciate in the long run

Von der Parität zum Dollar redet niemand mehr. Anfang des Jahres war das noch das große Thema an den Devisenmärkten: Den Euro würde bald für einen Dollar geben, vielleicht schon Ende 2015, und später noch billiger ...

Jetzt lassen sich etliche gute Gründe finden, warum der Greenback derzeit stark ist, auch gegenüber der europäischen Währung. Allen voran die relativ hohen (Real)Zinsen in den USA, die Geld nach Amerika ziehen wie ein finanzieller Supermagnet.

Allerdings dürfte die jetzige und auch die künftige Zinsentwicklung schon weit gehend eingepreist sein. Druck auf den Kurs wird allenfalls von Mario Draghis schwer berechenbarer Bereitschaft kommen, noch mehr Notenbankgeld für Anleihen zu verausgaben.


Foto: Daniel Eckert


Langfristig spricht jedoch eines ganz klar dagegen, dass der Euro zum Dollar ins Bodenlose fällt: Die Eurozone hat gegenüber dem Dollar-Raum einen Leistungsbilanzüberschuss. Das heißt, dass mehr Waren "Made in Euroland" nach Amerika schippern als umgekehrt.

An den Devisenmärkten müssen ständig Dollar verkauft und Euro gekauft werden, um die Leistungsbilanz auszugleichen.

Aktuell exportieren die 19 Länder der Währungsunion deutlich mehr Güter und Dienstleistungen, als sie einführen. Das positive Saldo beläuft sich auf einen Gegenwert 260 Milliarden Euro, wobei zugegebenermaßen das Gros des Überschusses auf die Bundesrepublik Deutschland entfällt.
Das entspricht rund 2,6 Prozent des Euroland-Bruttoinlandsprodukts. Tendenz steigend:



Quelle: Bloomberg


Ganz anders die USA: Hier betrug das Defizit aus dem Austausch von Gütern und Dienstleistungen zuletzt 380 Milliarden Dollar oder 2,3 Prozent der Wirtschaftsleistung:


Quelle: Fed St. Louis


Ich erlaube mir folgenden Hinweis: Wenn nicht nur der Leistungsbilanzüberschuss der Eurozone zunimmt, sondern auch das Defizit der Vereinigten Staaten geringer wird, muss einer die Zeche zahlen. Vermutlich sind das die Schwellenländer, deren Wettbewerbsposition sich so sehr verschlechtert hat, dass ihre Exporterfolge der Vergangenheit angehören.

Lass jetzt noch die 3D-Drucker kommen und die Werkbank der Welt überflüssig machen!




Freitag, 11. September 2015

... schmeißt E.on aus dem Dax!

German utility E.on is on a highway to hell. The company has already lost 4/5 of its market cap 

Auch das sollte nicht unerwähnt bleiben. Die E.on-Aktie ist diese Woche auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren gefallen. Von den einst mehr als 90 Milliarden Euro Marktkapitalisierung sind weniger als 19 Milliarden übrig geblieben. Der Versorger dürfte damit (zusammen mit der Commerzbank und RWE) als größter Wertvernichter der deutschen Börsengeschichte in die Annalen eingehen.


Sieht aus wie der Kurs eines Finanztitels, isses aber nicht: E.on seit Anfang der Neunzigerjahre
Quelle: Bloomberg

Unglaublich, aber wahr: 2007 wurde das Versorger-Papier für rund 50 Euro gehandelt, jetzt sind es neun Euro. Was die verschiedenen Welt- und Wirtschaftskrisen nicht geschafft haben, schaffen die himmlisch-höllischen Schwestern: Energiewende und Frackingboom.

Dann ist da natürlich noch die Carbon Bubble. Die Wiedereingliederung von Iran in den globalen Energiemarkt macht die Lage auch nicht besser. Denn das wird die Öl- und Gaspreise drücken und den Margendruck tendenziell vergrößern.

Die gleich bleibende Dividende von 0,50 Euro ist nur Kosmetik. Allein in diesem Quartal hat E.on nach eigener Aussage voraussichtlich "einen Wertberichtigungsbedarf im höheren einstelligen Milliarden-Euro-Bereich". Und dass die Kernkraft-Beteiligungen nun doch nicht aus dem Konzern ausgegliedert werden, kann den Eigentümern gar nicht schmecken. Denn die Kosten des Atom-Rückbaus sind unkalkulierbar.

Ja, der Cashflow ist noch positiv, aber er schrumpft von Jahr zu Jahr.

Nicht viele Analytiker und Branchenexperten haben das Schicksal von E.on vorhergesehen. Goldman Sachs zum Beispiel hat seine fast schon traditionelle Kaufempfehlung für den Versorger-Titel noch vor kurzem erneuert - mit einem Kursziel von 20 Euro!

Das gemahnt uns daran, wie schwer es Bankern fällt, säkulare Trends vorherzusehen. Geht es noch ein oder zwei Jahre so weiter, steht die Dax-Mitgliedschaft des einstigen Index-Schwergewichts auf der Kippe

Mittwoch, 9. September 2015

Wann steigen endlich wieder die Zinsen?

Normalisation of interest rates? Well, keep on dreaming. Cheap money is here to stay. And that's not Mr. Draghi's fault. Have a look at Europe's demographics 

Millionen Sparer hoffen darauf. Und werden von populären Ökonomen in ihrer Hoffnung bestärkt: Irgendwann werden die Zinsen wieder "normal".

Aber Normalisierung der Zinsen, was soll das sein? Unter welchen Umständen ist normal "normal"?Seit fast einer Generation befinden sich die Zinsen in Deutschland im Sinkflug. Das gilt nicht nur für die nominalen Renditen (also die Prozent-Etiketten auf dem Zinsprodukt), sondern auch für die realen Renditen, die anzeigen, wie viel nach Abzug der Inflation wirklich übrig bleibt.

Die Billiggeldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) allein reicht nicht aus, um eine derartige Jahrzehnte übergreifende Renditeschmelze zu erklären. Die Hauptursache dürfte im demografischen "Reifen" unser Gesellschaft liegen: Eine alternde Bevölkerung hat ein höheres Interesse an sicheren Anlageformen, selbst wenn die keine hohe (Real)Rendite abwerfen.

Ebenso wie es bei Immobilien heißt: "Lage, Lage, Lage!", heißt es bei Renten: Sicher, sicher, sicher! 

Der Zins ist nicht so entscheidend wie das unsichtbare Gütesiegel Gelderhalt, das Bankguthaben und Staatsanleihen der Euro-Kernstaaten tragen. Tatsächlich ist es gerade die erhöhte Nachfrage nach Sicherheit (und Berechenbar), die die Renditen rasiert.



Säkularer Trend: Die Renditen in Deutschland waren schon lange im Sinken begriffen, als Mario Draghi im Januar 2015
das EZB-Anleihenkaufprogramm verkündete
Quelle: Bloomberg


Allerdings dürfte das allein nicht ausreichen, um das extrem gedrückte Zinsniveau in Deutschland zu erklären. Dazu kommen Währungsmanipulationen. In den letzten Jahren hat die an einem nicht allzu teuren Franken interessierte Schweizerische Nationalbank (SNB) mit Euro-Anleihenkäufen dazu beitragen, unsere Renditen zu drücken. Auch die People's Bank of China ist mit ihrem mehr als drei Billionen großen Arsenal an Reserven ein großer Spieler, der die globalen Renditen beeinflusst.

Und dann gibt es da noch die Disinflation. Als Folge der Globalisierung und der Vernetzungsrevolution zeigt die Entwicklung der Verbraucherpreise klar nach unten. Erst der Tod der Inflation hat eine derartige Ruhe in die Bondmärkte gebracht, dass sich Versicherer und andere große Adressen mit 30-jährigen Papieren zum Niedrigzins eindecken, ohne sich weitere Fragen gefallen lassen zu müssen.

Anders als von vielen erwartet hat die "Liquiditätsflut" (Achtung, Metapher) auch keine Überhitzung in der Realwirtschaft hervorgerufen. Die Sparquote der Deutschen zeigt sich unbeeindruckt von den niedrigsten Zinsen der vergangenen 2000 Jahre.

Selbst ob wir, wie vielfach befürchtetet, mit dem billigen Geld riesige Finanzblasen heranziehen, ist strittig. In der Frage der "Bubbles" bin ich besonders vorsichtig, da die klare Identifizierung von gefährlichen spekulativen Übertreibungen weitaus schwieriger ist, als weithin angenommen.

Der Flügelschlag der schwarzen Schwäne

Nachdem wir alle Faktoren benannt haben, die für dauerhaft niedrige Zinsen sprechen, sollten wir auch die schwarzen Schwäne benennen, die das abrupte Ende der Billiggeldpolitik herbeiführen könnten.

1. Die Inflation springt nach oben, sagen wir auf vier Prozent, etwa wegen einer Verknappung der Rohstoffe. Beginnt sich nun die Lohn-Preis-Spirale nun schneller zu drehen, wird der Druck auf die EZB übermächtig, die Zinsen schnell und entschlossen anzuheben.

2. Der Euro verliert an den Devisenmärkten rapide an Wert, er stürzt binnen eines Jahres auf 0,75 Dollar ab. Auch in diesem Fall müssten die Währungshüter in Frankfurt reagieren und an der Zinsschraube drehen.

3. Die größte europäischen Ökonomie Deutschland erlebt eine Investitionsboom, in dessen Zuge viele spekulative, nicht rentable Objekte finanziert werden. Um die Überhitzung einzudämmen, verknappt die EZB die allzu reichlich fließende Liquidität.

4. Es findet ein groß angelegtes Entsparen statt. Die Bundesbürger leeren lustvoll ihre Sparbücher, Giro- und Tagesgeldkonten. Der Konsumrausch lässt die Bankeinlagen von derzeit 1,9 Billionen Euro um Hunderte Milliarden schmelzen. Auch dem würde die Zentralbank nicht tatenlos zusehen.

5. Die Spekulanten drehen endgültig durch und treiben den Dax auf 25.000 Punkte. Das gleiche bei den Immobilienpreisen: In Berlin, München und Hamburg gehen Wohnungen für 10.000 Euro pro Quadratmeter weg wie warme Semmel. Die EZB versucht Luft aus der Blase zu lassen.

6. Möglich ist auch ein heißer Währungskrieg, in dessen Zuge eine große Zentralbank massenhaft Euro-Schuldscheine auf den Markt wirft, um die Währungsunion zu destabilisieren.
Hoffen wir, dass wir das nie erleben!

Keines dieser Szenarien halte ich in den nächsten zwei Jahren für besonders realistisch. Es tut jedoch not, immer auch die unwahrscheinlichen Fälle einzukalkulieren, um darauf vorbereitet zu sein, was schief gehen könnte


Montag, 7. September 2015

Das geheime Leben des Euro

Die gemeinsame europäische Währung ist voller Geheimnisse. Ein Rätsel ist zum Beispiel, warum es so schwer fällt, den Wechselkurs zum Dollar einzuschätzen. Ist der Kurs bei jetzt 1,10 Dollar hoch oder niedrig?

Die meisten Menschen würden wohl instinktiv antworten, dass der Euro heute "sehr tief unten" ist, immerhin notierte er vor gut einem Jahr bei 1,40 Dollar und 2008 gar bei 1,60 Dollar.

Betrachtet man den Euro jedoch historisch als Nachfolger der Deutschen Mark, zeigt sich, dass die momentanen Notierungen keineswegs außergewöhnlich niedrig sind. Zwischen der US-Währung und der europäischen Hauptwährung hat es stets starke Ausschläge gegeben. Vor dreißig Jahren war der Dollar sehr viel stärker als heute, ohne dass deswegen wie Welt unterging.

Doch scheint es eine Art Gravitationszentrum zu geben, das die eine wie die andere Devise davon abhält, davon zu driften.

Seit einer Generation gibt es anders als bei anderen Währungspaaren keinen Großtrend in die eine oder die andere Richtung. Weder die eine, noch die andere rauscht in den Orkus. Der Dollar und die wichtigste europäische Währung sind sich ebenbürtig.

Allenfalls kann von einer leichten säkularen Aufwärtstendenz des Euro gesprochen werden, was aus der geringeren Inflation und dem Leistungsbilanzüberschuss der Eurozone resultiert.


Seit Anfang der achtziger Jahre kreisen D-Mark/Euro und Dollar um eine Art Kaufkraftzentrum, das den Wechselkurs immer wieder in die eine oder die andere Richtung zieht
Quelle: Bloomberg


Im arithmetischen Mittel der vergangenen 35 Jahr stand der Kurs bei 1,1765 Dollar. Aktuell liegt der Euro nur leicht darunter. Kein Grund zu Panik also und auch kein Grund, Unsinn zu behaupten wie dass Deutschland eigentlich einen Kurs von 1,60 Dollar bräuchte.

Interessant übrigens : Würde sich der leichte Aufwärtstrend der D-Mark und ihres Nachfolgers Euro zur Leitwährung fortsetzen, müsste die europäische Währung 2016 bei 1,30 Dollar notieren. Mal sehen, was die Zukunft bringt


Der langfristige Trend (rote Linie) zeigt nach oben: Die europäische Hauptwährung wertet zum Dollar leicht auf
Quelle: Bloomberg, eigene Recherche










Samstag, 5. September 2015

Der vermutlich schlechteste Forecaster aller Zeiten

Jetzt wird es ernst. Es geht um alles. Noch vier Wochen. Dann ist der Euro Geschichte. Das verheißt Martin Armstrong. In Deutschland bekannt durch den Film "The Forecaster", hat der schillernde Investor den ultimativen Euro-Crash vorhergesagt. Diesen Herbst soll es soweit sein.

Der "schillernde US-Finanzprophet" hat sogar ein genaues Datum genannt: Am 1. Oktober 2015 ist es vorbei mit der europäischen Währung.

Das prognostiziert das von Armstrong angeblich mit Myriaden von Daten gefütterte Computermodell mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit.


Die Zeichen am Horizont hat er erkannt. Allein, hat er das richtige Wörterbuch, um sie zu deuten?
Foto: Daniel Eckert

Nun ja, anderen Quellen zufolge datiert Armstrongs Rechner den Euro-Kollaps auf den 5. Oktober oder vielleicht auch den 17. Oktober. So sicher sind sich die Berichterstatter, die mit dem früheren Geldmanager gesprochen haben, da nicht.

Ich habe an anderer Stelle meine philosophischen Bedenken mit derlei Vorhersagerei zu Ausdruck gebracht. Vier Wochen vor dem anvisierten Großen Knall ist aber noch ein anderer Hinweis angebracht:

Wenn Armstrong ein Crash-Prophet ist, dann vermutlich der schlechteste aller Zeiten. Denn seit der "Forecaster" im Frühjahr seine Weissagungen gemacht hat, haben sich nicht weniger als vier (!) Crashs ereignet, von denen er uns nichts erzählt hat:

1. Anfang Mai 2015: Bund-Crash in Deutschland

2. Sommer 2015: Rohstoff- und Emerging-Markets-Crash rund um den Globus

3. Mitte Juni 2015: China-Crash in Schanghai

4. Ende August 2015: Crash an der Wall Street: Dow Jones mit größtem Punkteverlust der Geschichte (am 24. August 2015)

Dazu kommt noch: Nicht einmal die Richtung der Entwicklung hat bisher gestimmt. Der Euro steht zum Dollar und den meisten Währungen heute etwas höher als zu dem Zeitpunkt, als Armstrong dessen Untergang vorhersagte.

Amstrong ist auf bestem Weg, als worst forecaster ever in die Geschichtsbücher einzugehen



Quelle: Screenshot www.welt.de (Stand 5.9.15)






Freitag, 4. September 2015

One chart to explain it all (almost)

Gold investors have had a hard time since fall 2011 when the gold price reached its historical high of $1900. Why is that? And when will the good times for bullion be back? One chart gives answers. 


Wiener Philharmoniker Goldmünzen
Foto: Daniel Eckert


Der 5. September 2011 ist ein Tag voller schlimmer Nachrichten aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt. Mehr Tote im libyschen Bürgerkrieg, Angriff der Türkei auf eine PKK-Stellung im Nordirak. Hungersnot in Somalia.

Barack Obama startet an jenem Montag seine Kampagne, um als Präsident der USA wiedergewählt zu werden. Und im deutschen Radio trällert unentwegt Tim Bendzko's "Nur noch kurz die Welt retten".

An den Rohstoffmärkten ist der 5. September 2011 der Tag, an dem der Goldpreis sein historisches Hoch markiert. Mehr als 1900 Dollar kostet die Feinunze zum Handelsende. Einmalig. Auf diesem Niveau wird das gelbe Metall nie mehr schließen.


Quelle: Bloomberg


Vier Jahre später reiben sich viele verwundert die Augen. Wie kann es sein, dass der Unzenpreis heute fast 800 Dollar niedriger steht? Obwohl die Probleme der Weltwirtschaft kaum kleiner geworden sind? Von neuen geopolitischen Konflikten und Spannungen im Finanzsystem zu schweigen.

Die metaphorischen Gelddruckmaschinen rotieren mit ungebremstem Tempo. Kaum weniger schnell als 2011. Wo die Amerikaner ihre Anleihenkäufe zurückgefahren haben, haben die Europäer und die Japaner aufgestockt. Wenn es schon die größte Vermögenspreisblase der Geschichte ist, warum ist Gold dann nicht (mehr) Teil dieser Blase? 

Ein Chart erklärt, warum Gold-Investments in den letzten vier Jahren einen Großteil ihres Glanzes verloren haben. Damals, im September 2011, warfen US-Staatsanleihen zwei Prozent Zins ab. Die Inflationsrate lag aber bei hohen vier Prozent. Realer Wertverlust des Rentiers: zwei Prozent!

In einem solchen Umfeld tut Gold, was es tun soll: Die Kaufkraft erhalten.

Seither ist die statistische Teuerungsrate deutlich zurückgegangen, in Amerika wie in Europa betrug sie zuletzt nur noch 0,2 Prozent. Die Verzinsung von Staatsanleihen aber ist in den USA ungefähr so hoch wie im September 2011: 2,2 Prozent. Das bedeutet zwei Prozent Realrendite!



Quelle: Bloomberg


Zwei Prozent ist historisch gesehen ein passabler Wert, zumal in einer Welt der niedrigen Zinsen. Die seit 2011 kontinuierlich steigende reale Rendite erklärt, warum der unverzinste "Rohstoff" Gold als Investment  unattraktiv geworden ist und der Unzenpreis sich nach dem Edelmetall-Crash von 2013 nie mehr richtig erholen konnte.



Quelle: Bloomberg, eigene Recherche


Die zwei Prozent Realverzinsung in todsicheren US-Staatsanleihen erklären aber auch, warum der Dollar an den Devisenmärkten gefragt ist. Und warum es amerikanische Aktien zuletzt so schwer hatten.

Politische Krisen hin oder her: Der Goldpreis wird erst dann wieder anziehen, wenn die reale Rendite in der führenden Wirtschafts- und Finanzmacht USA unter Druck kommt, sei es dass die Verzinsung sinkt oder die Inflation anzieht.

It's the real yield, stupid!

Mittwoch, 2. September 2015

Außer Vola nix gewesen?

Wo bleibt eigentlich die Erderwärmung, wenn man sie braucht? Der Spruch hat dieses Jahr nicht so richtig gepasst. Denn der Sommer 2015 war in Deutschland tatsächlich außergewöhnlich warm und trocken.

Viel eher könnte man fragen: Wo bleibt eigentlich die Asset-Bubble, wenn man sie braucht? Wo ist die Billiggeldblase, die alle Vermögenspreise immer weiter nach oben treibt?

Nachdem drei Viertel des Jahres um sind und ein Roter August die Nerven der Börsianer strapaziert hat, fragen sich viele: Mit welcher Anlageform lässt sich nach Abzug von Inflation und Transaktionskosten überhaupt noch Wertzuwachs erzielen?

Von Zinsprodukten brauchen wir nicht zu reden. Deren Rendite tendiert gegen null, und die Zeit der Kursgewinne scheint bei Bundesanleihen ebenfalls vorbei zu sein. Wer auf steigende Ölpreise spekulierte, fuhr fette Verluste ein. Selber schuld.

Und Dividendenpapiere? Der Dow Jones Index steht nach den ersten acht Monaten des Jahres neun Prozent im Minus, Ausschüttungen mit eingerechnet.

Lediglich die starke Aufwertung des Dollar hat in US-Aktien engagierte Euro-Bürger vor einem Vermögensschwund bewahrt. Ähnliches gilt für den internationalen Index MSCI Word. Auch hier sorgten vor allem Währungsgewinne für eine positive Bilanz.

Abgesehen von internationalen Aktien hätte sich aus Investorensicht kaum ein Börsenengagement gelohnt. Passabel scheint die Chance/Risiko-Relation allenfalls noch bei deutschen Immobilien zu sein, allerdings ist der Erwerb mit hohen Steuern und Nebenkosten belastet.


Wertentwicklung in Prozent - Angaben auf Euro-Basis
Quelle: Bloomberg, Standard & Poor's


Dax-Aktien (plus zwei Prozent) und Gold (plus vier Prozent) brachten im bisherigen Jahresverlauf bei weitem nicht genug, um die Seelenpein der heftigen Kursschwankungen (Vola) auszugleichen.

Natürlich kommt es auf den Betrachtungszeitraum an. Doch wenn man bedenkt, dass die Geldpolitik weiter expansiv ist, passt ein Dow-Jones-Rückgang von neun Prozent auf Dollar-Basis nicht ins Bild einer globalen Super-Bubble. Und ein Dax, der bei steigenden Unternehmensgewinnen nur zwei Prozent macht, ebensowenig.

Vielleicht ist nicht nur Geld nicht so wichtig. Vielleicht ist auch Geldpolitik gar nicht so wichtig, wie viele glauben




Dienstag, 1. September 2015

Raus aus Deutschland! Raus aus Deutschland?

The German Dax remains expensive compared to the other euro area markets and the political environment in Germany remains costly for corporations, says SocGen. 

Verkauft deutsche Aktien! Und kauft französische! Das sagt die Großbank Société Générale mit Sitz in Paris.

Zur Erklärung führt sie diese Grafik an. Sie zeigt, dass das Tempo des deutschen Lohnkostenanstiegs tendenziell zunimmt und das des französischen - seit der Finanzkrise - tendenziell sinkt: Mit anderen Worten: Die Bundesrepublik verliert gegenüber der République française still und heimtlich an Wettbewerbsfähigkeit.


Quelle:  Société Générale

Außerdem habe sich das Reformtempo in Frankreich beschleunigt, während die Modernisierung in Deutschland auf der Stelle trete: Hinzu kommen aus Sicht der SocGen die hohen Energiekosten, die die Ertragslage der deutschen Konzerne verschlechtern. Ein dritter Belastungsfaktor seien die kapitalschwachen Banken östlich des Rheins.
The political environment remains problematic in Germany due to three factors: 1) energy policy (costly for German corporates), 2) redistribution policy (higher wages means low competitiveness and pressure on margins); and 3) a weak banking sector (concerns over the quality of the balance sheets of some Landesbanks).

Im direkten Vergleich falle die Bundesrepublik merklich zurück, betont die französische Großbank. Dazu komme noch, dass Dax-Aktien im europäischen Vergleich teuer seien. Für deutsche Standardwerte errechnen die Analysten ein Kurs/Buchwert-Verhältnis (KBV) von 1,8 verglichen mit einem entsprechenden Wert von 1,6 in Frankreich und 1,4 in Spanien.


Quelle:  Société Générale


Auf der Verkaufsliste der SocGen-Expterten stehen Deutsche Bank, RWE und Hannover Rück.
Auf der "Premium" finden sich hingegen viele Namen aus Frankreich, zum Beispiel Axa, Renault, Sanofi und Vinci:


"Premium List" mit aus Sicht von SocGen interessanten Aktien
Quelle:  Société Générale


Anfang des Jahres hat die Société Générale bereits einen ähnlichen "call" abgesetzt und damit - bisher zumindest - Recht behalten. Der Dax hat sich 2015 (Stand 1. September) um fünf Prozent verbessert, der französische Leitindex CAC aber um neun Prozent.

Vive la France!