Samstag, 27. Juni 2015

Insolvente Statistiken zu Insolvenzen

Mehr als die Hälfte ihrer Zeit der Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich haben die Griechen einen Staat gehabt, der zahlungsunfähig war. Das haben Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff schon 2009 in ihrem Finanz-Bestseller "This Time Is Different" (Dieses Mal ist alles anders) behauptet. Ihr Buch trägt den Untertitel "Eight Centuries of Financial Folly" (Acht Jahrhunderte des finanziellen Wahns).

Jetzt ist die griechische Geschichte wahrlich reich an Tragödien, und es sagt auch einiges über unsere Ära und unseren Zeitgeist aus, dass wir uns auf Schulden(krisen) fixieren und die dahinter liegenden Kriege, Bürgerkriege, Vertreibungen, Hungersnöte und Rebellionen nur noch abgeschattet wahrnehmen.


Statistisch gesehen war "Deutschland" seit 1800 viermal so lange insolvent wie "Italien" ... Wie aussagekräftig sind solche Statistiken? Quelle: Reinhart & Rogoff. This Time Is Different. Eight Centuries of Financial Folly. Princeton 2009: Princeton University Press. pp. 99-100.

Doch wie aussagekräftig sind solche Statistiken für die künftige Entwicklung? Polen, dessen neuere Geschichte mindestens ebenso viele Tragödien kennt die Griechenlands, befand sich laut Reinhart und Rogoff exakt 32,6 Prozent seines Bestehens als eigenständiger Staat in Insolvenz. Gleichwohl bildet unser östliches Nachbarland heute eine der finanziell solidesten Nationen der EU.

Während die angelsächsischen Länder und Frankreich nie im "Default" waren, ist Deutschland in der Aufstellung von Reinhart und Rogoff alles andere als ein Musterknabe. Ihrer Berechnung zufolge hat "Deutschland" 13,0 Prozent seiner Existenz in der Zahlungsunfähigkeit oder Restrukturierung verbracht, fast viermal so lange wie Italien.

Für den Historiker sind dieses Statistiken möglicherweise interessant, für den Ökonomen sind sie ein Witz, denn die Zahlen beziehen sich eben nicht auf den 1871 gegründeten deutschen Nationalstaat mit (einigermaßen) zentraler Verwaltung, sondern auch auf Großherzogtümer und Königreiche vor der Bismarck'schen Reichsgründung.

Wenn Reinhart und Rogoff in ihrem Buch dann noch behaupten, "Deutschland" sei in den letzten 200 Jahren öfter pleite gewesen als Griechenland - nämlich acht mal versus fünf mal - kann man schon die Frage stellen, wie sinnvoll solche Auflistungen sind.

Zumal das Gros der "deutschen" Staatspleiten im 19. Jahrhundert eine mehr oder weniger direkte Folge der Napoleonischen Kriege waren, also von Invasion und Besetzung.

Die Conclusio muss so oder so lauten: Schaut genauer hin! Insolvenz ist nicht gleich Insolvenz. Die einen geraten vielleicht in Zahlungsunfähigkeit, weil eine korrupte Elite den Staat plündert und weil das Steuersystem nicht funktioniert.

Aber dann gibt es auch noch jene, die in die Insolvenz rutschen, weil sie von einer ausländischen Macht überfallen werden - oder weil sie andere überfallen und als Besatzer vertrieben werden.

Seitdem Deutschland keine Weltkriege mehr geführt hat, ist es nicht mehr pleite gegangen

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