Montag, 29. Juni 2015

Die Griechen haben allen Grund, die Drachme zu fürchten

Warum? Das macht ein Blick auf die Inflationsstatistik des Landes deutlich. Selbst in der jüngeren griechischen Geschichte waren zweistellige Preissteigerungen keine Seltenheit. Seit der Gründung des hellenischen Staates 1830 betrug die Inflationsrate in nicht weniger als 24 Jahren 20 Prozent und mehr.

Zuletzt war das immerhin noch Anfang der Neunzigerjahre der Fall. Der Wertverlust war so stark, dass die Drachme von 2001 nur noch ein Prozent der Kaufkraft der Drachme von 1955 hatte.

Die Tendenz zur rapiden Geldentwertung hat erst vor der Jahrtausendwende nachgelassen, nicht zuletzt dank der Mitgliedschaft des Landes im Europäischen Binnenmarkt und dank der Aussicht, dem Euro beizutreten.


Zweistellige Preissteigerungsraten waren in Griechenland eher die Regel als die Ausnahme
Quelle: Bloomberg
Mit der gemeinsamen europäischen Währung haben die Griechen die Geldwertstabilität und die niedrigen Zinsen der Deutschen Mark übernommen, ein markanter Gewinn an Wohlstand und ökonomischer Planungssicherheit.

Die griechischen Wähler werden es sich beim anstehenden Greferendum und darüber hinaus gut überlegen, ob sie diesen Schatz der Stabilität wieder hergeben wollen


Kaufkraft der Griechischen Drachme 1955-2001
Quelle: FRED

Not all fiat currencies are created equal
Quelle: FRED

Sonntag, 28. Juni 2015

Greferendum als Lehman Moment?

Anders als beim Kollaps der Investmentbank Lehman sind die Verluste privater Institutionen im Falle der Griechenland-Pleite überschaubar. Eine Finanzkrise wie damals ist daher unwahrscheinlich. Hauptleidtragende sind: die europäischen Steuerzahler und die europäische Idee

Der Plan B des Janis Varoufakis

Der Grexit wird ganz anders sein, als sich ihn die meisten vorstellen.

Es ist organisatorisch und rechtlich unmöglich, den Gebrauch von Euro in Griechenland von heute auf morgen zu verbieten. Zunehmend plausibel erscheint jedoch, dass die Regierung in Athen eine Parallelwährung einführt, um ihre zahlreichen Beamten und Lieferanten damit zu bezahlen.

In einem weiteren Schritt könnte sie auch verfügen, dass Steuerschulden nur noch in der heimischen Währung beglichen werden. Dann würde sie ihre Bürger zwingen, Euro in die neue Drachme zu tauschen.

Es mag mehr als ein Zufall sein, dass ausgerechnet ein Mann griechischer Finanzminister ist, der als Ökonom einen Plan für eine solche Parallelwährung entwickelt hat: Janis Varoufakis. Der Links-Politiker hat in seinem Blog bereits im Februar 2014 vorgeschlagen, Hellas könne sich vom verhassten Euro unabhängig machen, indem der Staat Steuergutscheine ausgibt.



Kurs der bekanntesten Digitalwährung Bitcoin in Euro seit 2011
Die Varoufakis-Drachme würde sich vermutlich entwickeln wie der Bitcoin seit 2013 ... down, down, down
Quelle: www.bitcoincharts.com


In Varoufakis' ursprünglichem Plan hießen die Steuergutscheine "FT-coins" und basierten auf einer ähnlichen Technik wie Bitcoins. Man kann sie sich als digitale Drachmen vorstellen, die zusätzlich zum Euro im Land kursieren. Details habe habe ich in meinem Artikel in der "Welt" beschrieben.

Entscheidend ist aber: Sieht man auf die bisherige "Leistung" der SYRIZA-Regierung, könnte die digitale Drachme nur eine Weichwährung sein, die rapide an Wert verliert. Niemand würde sie freiwillig akzeptieren. Sie müsste den Bürgern von der Regierung aufgezwungen werden.

Es wäre die Wiederkehr der guten alten Inflationssteuer in Gestalt eines Staats-Bitcoin


Samstag, 27. Juni 2015

Wenn das nicht gaga ist

Nochmal für die Geschichtsbücher: Die griechische Regierung will (im allerletzten Moment) ein - womöglich verfassungswidriges - Referendum abhalten über ein Abkommen, das sie nie geschlossen hat und wenn sie es geschlossen hätte, dann mit der Empfehlung ans eigene Volk, das von ihr selber geschlossene Abkommen beim Referendum abzulehnen in der Hoffnung (oder Furcht?), dass die Wähler entgegen der Empfehlung der Regierung vielleicht mit Ja stimmen?



Johannes Theodor Baargeld
Typische Vertikalklitterung
Quelle: [Public domain], via Wikimedia Common


Ein bisschen Polit-Dada ist das schon, oder?

Stop ELA for Greek banks now, Mr. Draghi!

Ohne Reform- und Investitionsprogramm lässt sich schwerlich eine Wiederherstellung der griechischen Wettbewerbsfähigkeit innerhalb des Euro vorstellen.
Daher wird Mario Draghi große Schwierigkeiten haben, die ELA-Notfallkredite weiter geldpolitisch zu begründen. Wirtschaftspolitik darf die Europäische Zentralbank nicht machen, und ELA ist nur für kurzfristige Überbrückungen akuter Liquiditätsengpässe gedacht, und das auch nur bei solventen Finanzinstitutionen. Sie soll kein Fass ohne Euro-Boden über Wasser halten. 


Die Rechtsgrundlage für ELA ist entfallen. Daher: Schluss mit den Liquiditätshilfen! Jetzt!

So macht Tsipras' Referendum Sinn

Das von Alexis Tsipras anberaumte Referendum ist auch eine Chance. Eine Chance, das griechische Gemeinwesen von Grund auf zu erneuern. Jetzt sollte die Troika ihre Bedingungen für Hilfsgelder verschärfen und eine echte Reformagenda fordern. Mit ein paar Steuererhöhungen und einer Korrektur der Rente ist es nicht getan. Wenn die Hellenen schon entscheiden, dann bitte über mehr als ein paar Pünktchen Mehrwertsteuer. Sie sollen darüber, entscheiden, ob sie eine moderne wettbewerbsfähige Volkswirtschaft und eine effiziente Staatsverwaltung wollen - oder die Drachme. Mit allen Konsequenzen

Insolvente Statistiken zu Insolvenzen

Mehr als die Hälfte ihrer Zeit der Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich haben die Griechen einen Staat gehabt, der zahlungsunfähig war. Das haben Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff schon 2009 in ihrem Finanz-Bestseller "This Time Is Different" (Dieses Mal ist alles anders) behauptet. Ihr Buch trägt den Untertitel "Eight Centuries of Financial Folly" (Acht Jahrhunderte des finanziellen Wahns).

Jetzt ist die griechische Geschichte wahrlich reich an Tragödien, und es sagt auch einiges über unsere Ära und unseren Zeitgeist aus, dass wir uns auf Schulden(krisen) fixieren und die dahinter liegenden Kriege, Bürgerkriege, Vertreibungen, Hungersnöte und Rebellionen nur noch abgeschattet wahrnehmen.


Statistisch gesehen war "Deutschland" seit 1800 viermal so lange insolvent wie "Italien" ... Wie aussagekräftig sind solche Statistiken? Quelle: Reinhart & Rogoff. This Time Is Different. Eight Centuries of Financial Folly. Princeton 2009: Princeton University Press. pp. 99-100.

Doch wie aussagekräftig sind solche Statistiken für die künftige Entwicklung? Polen, dessen neuere Geschichte mindestens ebenso viele Tragödien kennt die Griechenlands, befand sich laut Reinhart und Rogoff exakt 32,6 Prozent seines Bestehens als eigenständiger Staat in Insolvenz. Gleichwohl bildet unser östliches Nachbarland heute eine der finanziell solidesten Nationen der EU.

Während die angelsächsischen Länder und Frankreich nie im "Default" waren, ist Deutschland in der Aufstellung von Reinhart und Rogoff alles andere als ein Musterknabe. Ihrer Berechnung zufolge hat "Deutschland" 13,0 Prozent seiner Existenz in der Zahlungsunfähigkeit oder Restrukturierung verbracht, fast viermal so lange wie Italien.

Für den Historiker sind dieses Statistiken möglicherweise interessant, für den Ökonomen sind sie ein Witz, denn die Zahlen beziehen sich eben nicht auf den 1871 gegründeten deutschen Nationalstaat mit (einigermaßen) zentraler Verwaltung, sondern auch auf Großherzogtümer und Königreiche vor der Bismarck'schen Reichsgründung.

Wenn Reinhart und Rogoff in ihrem Buch dann noch behaupten, "Deutschland" sei in den letzten 200 Jahren öfter pleite gewesen als Griechenland - nämlich acht mal versus fünf mal - kann man schon die Frage stellen, wie sinnvoll solche Auflistungen sind.

Zumal das Gros der "deutschen" Staatspleiten im 19. Jahrhundert eine mehr oder weniger direkte Folge der Napoleonischen Kriege waren, also von Invasion und Besetzung.

Die Conclusio muss so oder so lauten: Schaut genauer hin! Insolvenz ist nicht gleich Insolvenz. Die einen geraten vielleicht in Zahlungsunfähigkeit, weil eine korrupte Elite den Staat plündert und weil das Steuersystem nicht funktioniert.

Aber dann gibt es auch noch jene, die in die Insolvenz rutschen, weil sie von einer ausländischen Macht überfallen werden - oder weil sie andere überfallen und als Besatzer vertrieben werden.

Seitdem Deutschland keine Weltkriege mehr geführt hat, ist es nicht mehr pleite gegangen

Donnerstag, 25. Juni 2015

#Grexit versus #Drachmageddon

Inzwischen platzt fast das Internet vor #Grexit-Einträgen. Google gibt 15.000.000 Suchergebnisse zu Grexit an. Als wäre der Austritt Griechenlands aus der Währungsunion die Antwort auf alle offenen Fragen der Eurozone und des Lebens überhaupt. 



Begriffe wie "Grexit" sind Behälter für Gedanken, manchmal aber auch Mülleimer fürs Denken
Foto: Daniel Eckert

Die mutmaßlich existenziellen Auswirkungen eines Währungsbruchs auf die Menschen in Griechenland werden ausgeklammert.

Als Volkswirtschaft muss Griechenland sehr viel importieren, inklusive Milch und Schweinefleisch. Einer Berechnung zufolge stammen 60 Prozent der täglichen Bedarfsgüter aus dem Ausland. 

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was es bedeutet, wenn die Währung eines solchen Landes um 50 oder 70 Prozent abwertet.

Bezeichnenderweise bringt es der alternative Hashtag #Drachmageddon (eine Zusammenziehung von Drachme und Armageddon), der die Gefahren betont, auf lediglich 2.300 Einträge.


Traum mit Jauch

Günther Jauch zu mir: "Ist das Geld, das wir den Griechen geliehen haben, jetzt weg?" Und ich, vor Publikum und Millionen Fernseh-Zuschauern: "War es denn je da?"
Grooße Augen. Und dann bin ich aufgewacht ...

Samstag, 20. Juni 2015

Die spinnen, die Gallier!

Oder: Die spinnen, die Germanen? Deutsche und Franzosen könnten unterschiedlicher kaum sein, was ihre Einstellung zu Gold-Münzen und -Barren angeht.

Kaufte der durchschnittliche Franzose 2014 nur 0,03 Gramm physisches Gold als Geldanlage, bunkerte der durchschnittliche Bundesbürger 1,25 Gramm, also über das Vierzigfache!


Gaststätte in Saarbrücken, Deutsche und Franzosen sind schön ganz schön verschieden, nicht nur in der Sprache
Foto: Daniel Eckert


Eine noch innigere Goldliebe hatten in Europa nur die Schweizer, die es vergangenes Jahr auf 5,67 Gramm je Kopf brachten. Allerdings ist anzunehmen, dass in der Eidgenossenschaft auch viele Nicht-Eidgenossen Gold kaufen. Wegen der schönen Banken vor Ort.

Noch eine Ziffer, die stutzen lässt: In absoluten Zahlen ist der Münz- und Barrenabsatz in Deutschland fast 50 mal so hoch wie in Frankreich. Wer von beiden spinnt jetzt?


Absatz an Gold und Barren zu Investmentzwecken 2014 (in Tonnen)
Quelle: WGC


Freitag, 19. Juni 2015

Warum verkauft Griechenland nicht sein Gold?

Griechenland steht knietief in der Kreide. Doch Vermögenswerte zu verkaufen, um einen Teil der Schulden zu begleichen oder die Haushaltslage aufzubessern, kommt für die Regierung offenbar nicht in Frage.

Dass das stolze Hellas keine Inseln verpachten will, kann man verstehen. Schwerer nachvollziehbar ist da schon, wie stockend die Privatisierung von Staatseigentum in den vergangenen Jahren vorangegangen ist, nämlich so gut wie gar nicht. Athen behauptet seit Jahren, dass am Markt kein fairer Preis zu erzielen sei.

Ein Ausverkauf des Tafelsilbers komme nicht in Frage. Dabei wären die erzielbaren Preise für Infrastrukturobjekte wie Häfen 2014 aus heutiger Sicht zum Fingerlecken gewesen.

Völliges Unverständnis wirft bei vielen Beobachtern die Tatsache hervor, dass Griechenland auch seine Goldreserven für unantastbar hält. Athen gebietet über einen Staatsschatz von 112,5 Tonnen.
Würde die nationale Zentralbank das Edelmetall verkaufen, könnte sie auf einen Schlag vier Milliarden Euro erlösen.

An Interesse mangelt es nicht. Andere Notenbanken stocken kontinuierlich auf und könnten die vier Milliarden auch zahlen. Zugegeben, das würde bei weitem nicht reichen, um die immensen Verbindlichkeiten nennenswert zu reduzieren.

Doch es könnte ein wichtiges Signal des guten Willens liefern, dass nicht immer nur die Steuerzahler anderer Länder für den griechischen Schlamassel einstehen müssen.


Während der Schuldenkrise gewachsen - Goldbestand der griechischen Zentralbank
nach Angaben von WGC/IWF


Besonders verwunderlich: Nach Daten des World Council hat Hellas seine Goldreserven in den Jahren der Krise und Not sogar (leicht) erhöht: um immerhin eine Tonne. Wenn das griechische Volk leidet, warum dann diesen Staatsschatz unangetastet lassen?

Die Bundesbank hat in der gleichen Zeit übrigens kontinuierlich Gold verkauft, um die Kassenlage des Finanzministers aufzubessern

Mittwoch, 17. Juni 2015

Wenn schon eine Zentralbank, dann bitte den Mercedes

Man kann drüber streiten, ob es eine gute Idee war, den Euro in der jetzigen Form einzuführen, oder ob der Goldstandard vielleicht ein grundsätzlich besseres Geldsystem ist als fiat money. Aber mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum OMT-Programm der EZB habe ich kein Problem. Wenn Europa schon eine gemeinsame Zentralbank hat, dann soll die machen dürfen, was andere große Zentralbanken auch machen (und einst die Bundesbank zur Zeit ihrer Unabhängigkeit praktizierte), zum Beispiel einen einheitlichen Geldmarkt gewährleisten.


Kritikern sind die Konturen der EZB-Politik zu unscharf geworden, wie auf diesem 10-Euro-Schein
Foto: Daniel Eckert


Andernfalls wäre das so, als hätte man einen Mercedes und die Straßenverkehrsordnung würde einem vorschreiben, dass der nur von vorgespannten Pferden bewegt werden darf

Dienstag, 16. Juni 2015

Was ist mit der Goldnachfrage passiert?

Unter Goldfans hält sich hartnäckig das Gerücht, dass der Unzenpreis eigentlich viel höher stehen müsste, weil ... nun weil "die Käufer den Münzhändlern die Türen einrennen". Gemessen an der immensen Nachfrage nach physischem Metall müsste Gold danach 2000 Dollar kosten oder mehr. Nur die Spekulanten am Terminmarkt und die Notenbanken würden die Notierungen drücken.

Das Gerücht hält sich hartnäckig. Doch die harten Zahlen geben das nicht her. Im Gegenteil war im ersten Quartal gerade die Nachfrage nach Münzen und Barren schwach. Deren Absatz sackte um zehn Prozent ab. Im Umkehrschluss müsste man also annehmen, dass es die Investmentbanken und Währungshüter waren, die den Goldpreis zwischen Januar und März anschoben.

Tatsächlich lagen im ersten Quartal 2015 die Käufe der Notenbanken in etwa ebenso hoch wie im Vorjahreszeitraum und die ETF-Nachfrage (also mutmaßlich Spekulanten und Kurzfristanleger) drehte von minus 13,5 Tonnen zu plus 25,7 Tonnen.



Quelle: World Gold Council

In absoluten Zahlen waren die Rückgänge bei Münzen und Barren beträchtlich: In den ersten drei Monaten des Jahres 2015 wurden 28 Tonnen weniger physisches Metall an Sammler und Horter verkauft als im Vorjahreszeitraum und 50 Tonnen weniger als im Fünfjahresschnitt.

Was also kann den Absatzeinbruch des Jahres 2015 verursacht haben? Der World Gold Council, der als Lobbyverband der Minengesellschaften wohl kaum als Gold-feindliche Finanzinstitution anzusehen ist, erklärt es so:

"Weaker economic growth, higher gold prices in local currency terms and rallying stock markets gave consumers in some markets reason to reappraise their gold buying intentions."

Bleibt die Frage, warum sich die Schwäche im April und Mai fortsetzte - die US Mint berichtet von der schwächsten Münznachfrage seit acht Jahren - obwohl die Aktienmärkte niedriger oder seitwärts tendierten und der Goldpreis in den meisten "lokalen Währungen" leicht nachgab.

Sogar die Inflation zog im Frühsommer in vielen Wirtschaftsräumen wieder an, was dem Goldpreis eigentlich Auftrieb hätte geben müssen.

Vielleicht ist nach drei Jahren Auf und Ab bei privaten Goldkäufern eine gewisse Ernüchterung, ja Müdigkeit eingetreten, während Zentralbanken von Ankara bis Moskau weiter kräftig aufstocken. Staatliche Investoren haben einen längeren Zeithorizont und lassen sich von kurzfristigen Preisschwankungen nicht so leicht beeindrucken









Wirtschaftsschwach nachrichtenstark

Griechenland steht für 1,8 Prozent der Euroland-Wirtschaftsleistung (und 0,3 Prozent des globalen BIP), Griechenlands Regierung produziert seit Wochen 80 Prozent aller Euroland-"Wirtschaftsnachrichten". 

Wie lange soll das so weiter gehen?



Anteil Griechenlands am Bruttoinlandsprodukt der Eurozone
Quelle: Eurostat

Sonntag, 14. Juni 2015

Warum der Sozialismus verschwinden wird


Die nächste Generation wird vielleicht auch Ernst Thälmann für einen Startup-Gründer
im Social-Media-Bereich halten
Foto: Daniel Eckert



Der "Sozialist" als politischer Aktivist wird aussterben. In spätestens zehn Jahren denken die Kids, ein Socialist ist jemand, der was mit Facebook und so macht, halt mit Social Media. Als jemand mit politischer Gesinnung geht dann allenfalls noch der "Kommunist" durch

Mittwoch, 10. Juni 2015

Carbon - Größte Bubble aller Zeiten?

Einundzwanzig Billionen Dollar. Eine provozierend hohe Zahl, eine absurd hohe Zahl. Glaubt man den Verfechtern der Theorie der "Carbon Bubble" sind Vermögenswerte in dieser Größenordnung bald Schall und Rauch. Wobei Rauch in dem Fall nicht allein metaphorisch zu verstehen ist.

Müssten die 21 Billionen Dollar (nach jetzigem Wechselkurs circa 19 Billionen Euro) abgeschrieben werden, wäre es eine der größten Wertvernichtungen der Wirtschaftsgeschichte. Angesichts dieser Dimensionen müssen die Warnungen vor einem Platzen der Kohlenstoffblase doppelt kritisch geprüft werden.

Carbon Bubble besagt in einfachen Worten: So wie wir jetzt wirtschaften, auf Basis von Öl, Gas und Kohle können wir nicht weiter machen. Der Punkt des Umdenkens muss nicht erst dann eintreten, wenn das Wasser in Hamburg bis zum Michel steht. Stichwort schmelzendes Südpol-Eis.

Die Kohlenstoffindustrie könnte auch dadurch in eine Strukturkrise geraten (und langsam absterben), dass sich das politisch-wirtschaftliche Umfeld für sie verdunkelt und sich die Kosten/Nutzen-Rechnung zugunsten von Solar und Windkraft verschiebt.

Wenn die öffentliche Meinung kippt, könnten die Erneuerbaren Energien (noch mehr) Subventionen erhalten, während fossile Brennstoffe mit höheren Abgaben belastet werden. Es könnte aber auch ein technologischer Schub sein, der den Wirkungsgrad der regenerativen auf eine Weise erhöht, wie wir es uns bisher nur schwer vorstellen können.

Investoren reden bereits von einem "Phasenübergang". In den Naturwissenschaften bezeichnet dieses Wort die Veränderung der physischen Eigenschaften eines Stoffs, zum Beispiel wenn ein Element schlagartig von einem Aggregatzustand zum anderen wechselt. Beispiel H2O: Flüssiges Wasser hat völlig andere Eigenschaften als Eis. Bis zu Gefrierpunkt wird Wasser einfach nur kälter, dann plötzlich verändert sich die Konsistenz und es wird ein Festkörper.

In der globalen Ökonomie könnte es das unerwartet schnelle Umschlagen von Carbon-getrieben auf Regenerativ sein.

Selbst ohne den Phasenübergang von der Kohlenstoffwirtschaft zur Solar- und Windwirtschaft wirft die Geschäftsentwicklung der großen Energiekonzerne manche Frage auf. Die Aktie von RWE bildet zusammen mit der Commerzbank seit Jahren das Schlusslicht im Dax. Nun könnte man denken, die deutschen Versorger seien ein Sonderfall.

Aber auch beim amerikanischen Ölmulti ExxonMobil, der Galionsfigur der Kohlenstoff-Wirtschaft, erodiert das Betriebsergebnis seit Jahren, wie diese Übersicht zeigt:


Quelle: Google Finance, eigene Recherche

ExxonMobil notiert an der Börse ein Fünftel unter seinem 52-Wochenhoch, mehr als jeder andere große US-Konzern. Der chinesische Wettbewerber PetroChina hat vom Hoch 23 Prozent verloren, inmitten boomender Börsen, bei BP sind es 25 Prozent und beim französischen Branchenprimus Total sogar 34 Prozent. Die meisten Beobachter erklären den Kursverfall mit dem zyklisch schwachen Ölpreis.

Doch wer mag, kann in der Entwertung der Energieriesen einen Vorgeschmack auf das sehen, was noch kommt. PetroChina hat in den vergangenen Monaten bereits mehr als 100 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung eingebüßt.

Da kann man sich leicht hochrechnen, was passiert, wenn die Nachfrage nach fossilen Energieträgern nicht nur konjunkturbedingt sinkt, sondern Reserven für Jahrzehnte abgeschrieben werden müssen.

So kommt auch die unglaubliche Zahl von 21 Billionen Dollar zustande. Sie beruht auf der Annahme, dass vier Fünftel der jetzt bekannten Vorkommen (und damit Firmenwerte) wohl nie genutzt werden können. Weil sich die Erderwärmung sonst viel zu sehr beschleunigen würde. Außerdem stehen Erneuerbare Energien bereit, die fossilen zu substituieren.

In einer Studie der niederländischen Umweltschutzorganisation Milieudefensie ist mit Blick auf die Reserven von "stranded assets" (gestrandeten Vermögenswerten) die Rede:
For the average fossil carbon energy company 80% of its fossil assets may no longer have any financial value, become “stranded assets” – a carbon bubble of gigantic proportions, with extremely large (multi-trillion US dollar) consequences to the financial world.
So gesehen sind die 21 Billionen nicht unplausibel. Die Kohlenstoffbranche ist einer der größten Sektoren der Weltwirtschaft. In guten wie in schlechten Tagen. Wer immer auf der Suche nach schwarzen Schwänen ist, sollte sich hier umsehen


Kommt jetzt die globale Energiewende? fragt FAZ.net am 10. Juni 2015 


Das Ende des Kohlenstoff-Zeitalters hat begonnen, schreibt WELT ONLINE


Montag, 8. Juni 2015

Bereits acht Millionen Suchergebnisse für "Grexit"

Wenn es irgendwo mit ziemlicher Sicherheit eine Bubble gibt, dann bei der Grexit-Erwartung. Das Interesse an griechischen Austrittsszenarien hat gerade ein neues Maximum erreicht. Nimmt man die Google-Suchanfragen als Maßstab, muss in Europa inzwischen eine regelrechte Grexitomanie grassieren - neben Griechenland vor allem in Deutschland.


Google-Suchanfragen nach Grexit (Greek withdrawal from the Eurozone)
Höchstwert=100
Quelle: Google Trends

Google verzeichnet bereits acht Millionen Suchergebnisse für "Grexit". Die Idee eines Austritts ist in den Medien so allgegenwärtig, dass etwas Naheliegendes gern übersehen wird: Griechenland kann sehr wohl pleite gehen, ohne dass die Mittelmeernation die Währungsunion verlässt.

Nicht unmöglich, dass Athen den Euro am Ende aufgibt. Wahrscheinlicher sind aber weiter diverse Kompromisslösungen diesseits des Grexits.

Wie alle Manien wird auch die Grexitomanie in einer mehr oder weniger großen Enttäuschung enden. Das Platzen der Grexit-Blase kommt, glaubt's mir!

Die verlorenen Jahre der Deutschen Bank

Wirtschaftlich war die Ära Jain und Fitschen für die Deutsche Bank ein Schlag ins Wasser: Ein Kurs sagt mehr als 1000 Worte: Am Freitag vor dem Rücktritt wurde die Aktie des größten deutschen Geldhauses ungefähr zu dem Preis gehandelt, wo sie zum Amtsantritt der beiden als Führungsduo im Mai 2012 stand. Der europäische Bankenindex konnte sich in der Zeit um 88 Prozent verbessern – obwohl er viele Institute aus Staaten enthält, die wirtschaftlich weitaus schwächer dastehen als Deutschland.


Rasender Stillstand an der Börse
Europäischer Bankenindex (rot) versus Deutsche Bank (weiß) seit 21. Mai 2012
Quelle: Bloomberg


Noch niederschmetternder: Im Gegensatz zur Mehrzahl der anderen Finanztitel konnte sich sich die Deutsche-Bank-Aktie an der Börse kaum vom Tief absetzen, das sind in der Großen Rezession 2009 markierte. Der Leitindex Dax steht weit mehr als doppelt so hoch wie vor sechs Jahren. 
Der Abstieg der "Branchenprimus" hat jedoch lange vor dem Führungsduo (infernale) Fitschen und Jain eingesetzt.
Die Marktkapitalisierung spricht Bände: Gehörte die Deutsche Bank in den Neunzigerjahren zu den zehn größten Geldhäusern der Welt, rangiert sie heute gemessen am Börsenwert nur noch im Bereich um Platz 50.
Selbst in der Eurozone kommt die Deutsche Bank lediglich an sechster Stelle, hinter Banken aus Krisenländern wie Spanien und Italien.

Von der Platzierung der Commerzbank wollen wir gar nicht erst reden. In der Weltrangliste schafft es die deutsche Nummer zwei nicht einmal mehr in die Top-100. Zur Erinnerung: Der Heimatmarkt von Commerzbank und Deutscher ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und die mit Abstand größte Volkswirtschaft Europas.

Fast könnte man annehmen, es habe in der Bundesrepublik nicht nur eine Energiewende gegeben, sondern auch eine Geldwende 

Die Zeit heilt alle Wunden

"Ich habe den richtigen Zeitpunkt zum Einstieg verpasst." Wenn viele Deutsche Aktien meiden, liegt das auch daran, dass sie Angst haben, sich zu blamieren, und sei es nur vor sich selbst. Auf dem Hoch zu kaufen ist psychologisch ebenso schmerzhaft, wie am Tief nicht gekauft zu haben. Im ersten Fall hat man zu viel bezahlt (und sich als Schwarmtrottel entlarvt) im zweiten hat man sich das Schnäppchen entgehen lassen.

Nun ist das richtige Timing an der Börse alles andere als trivial, vor allem für Privatanleger, die sich nicht an KI und automatisierte Tradingsysteme halten. Im Crash und im Bärenmarkt schleudern die Medien die Weltuntergangsszenarien nur so heraus und im Bullenmarkt ... wird vor dem kommenden Crash gewarnt, der unweigerlich viel viel viel schlimmer ausfallen müsse als der vorherige.

Als Lösung dafür bietet sich ein Sparplan an. Im Grunde ist ein Sparplan ein automatisches Trading-Programm für Ängstliche. Und fast jeder von uns nutzt einen Sparplan, zum Beispiel wenn der eine Lebensversicherung hat. Denn die macht auch nichts anderes als regelmäßige Einzahlungen am Kapitalmarkt zu investieren, abzüglich ihrer Gebühren natürlich.

Doch im Grunde tut es auch ein simpler konstanter Aktienkauf. Ich habe das mal am konkreten Fall mit realen Kursen durchgespielt. In meinem Beispiel habe ich angenommen, dass ich zwischen Mai 2005 und Mai 2015 jeden Monat 100 Euro in BASF gesteckt habe.

Das Ergebnis ist erfreulich. Aus den 12.000 Euro eingezahlten Euro wurden ungefähr 24.000 Euro Kurs-Wert (Notierungen von Mai 2015) plus 4.000 Euro Dividende, insgesamt also 28.000 Euro.

Natürlich hätte man die Dividende reinvestieren können, dann wäre der Portfolio-Wert am Ende der zehn Jahre höher. Ich gehöre jedoch zu den Leuten, die immer gern etwas Liquidität übrig haben, und ich glaube, damit bin ich nicht allein.


Aus 100 Euro im Monat wurden im Lauf von zehn Jahren 28.000 Euro
Wert am Ende des jeweiligen Jahres
Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen
Mit das interessanteste Ergebnis: Wer einen solchen Sparplan praktiziert, hätte nur in einem einzigen Jahr, nämlich 2009, weniger Vermögen zur Verfügung gehabt als zwölf Monate vorher. Der größte Wertrückgang des Sparplan-Portfolios zum jeweiligen Stichtag 1. Mai lag bei verkraftbaren sieben Prozent (von 5.000 Euro auf 4.600 Euro).

Mit einem geschickten Timing lassen sich theoretisch bessere Erträge erzielen. So wären aus den 12.000 Euro, im Mai 2005 auf einen Schlag in BASF-Aktien investiert, 51.000 Euro geworden - nämlich 41.000 Euro Kurswert plus 10.000 Euro Dividende. Doch die Theorie funktioniert in der Praxis eben meist nicht, weil die Psychologie dem Menschen einen Streich spielt.

Mit einem Sparplan wird man nie der größte Investor aller Zeiten, bleibt aber auch kein Schwarmtrottel

Die BASF-Aktie habe ich ausgewählt, weil sie die höchste Korrelation mit dem Dax hat. Es könnte ebenso gut ein anderer solider Standardwert oder ein Dax-Indexfonds sein. In der Praxis würden Transaktionskosten die Rendite mindern. Discount-Broker bieten jedoch Aktien-Sparpläne und ETF-Sparpläne zu günstigen Konditionen an

Freitag, 5. Juni 2015

Die Verfassungslücke des Mario Draghi

Heute vor einem Jahr ist in der WELT mein umstrittenster Kommentar erschienen: Mario Draghi auf dem Weg zum Euro-Bismarck. Darin habe ich argumentiert, dass der EZB-Präsident in unserer Zeit ähnlich wie Otto von Bismarck in seiner Mittel suchen und finden würde, eine politische Sackgasse zu überwinden.



Im Rückblick fühle ich mich bestätig: Euro-QE - also der im Januar 2015 verkündete Ankauf von Staatsanleihen durch die Zentralbank - war etwas Ähnliches wie Bismarcks Postulat einer Verfassungslücke im Preußen der 1860er Jahre.

Vor 150 Jahren nutzte der "Eiserne Kanzler" eine vermeintliche Unklarheit in der preußischen Verfassung, um der Monarchie gegenüber dem Parlament die Oberhand zu verschaffen. Nicht viel anders hat Mario Draghi die rechtlichen Möglichkeiten der EZB strapaziert und womöglich überstrapaziert, um den Zerfall der Eurozone zu verhindern und die Union zu einer De-facto-Schuldengemeinschaft zu machen, obschon das kein Souverän je so beschlossen hat.

Draghi hat die Währungsunion zusammenzuschmiedet, wie Bismarck Preußen auf einen Kurs zur deutschen Einigung gezwungen hat. Man muss die Richtung nicht gut finden, aber beide sind Figuren von historischer Dimension


Mittwoch, 3. Juni 2015

Kommt der Gold-Rubel?

Der Autor Jim Rickards hat die These aufgestellt, dass Moskau an einem goldgedeckten Super-Rubel arbeitet, der der Papierwährung Dollar Konkurrenz machen soll.

Nahrung erhalten solche Spekulationen durch Meldungen, dass die Russische Föderation ihren Gold-Hort so stark ausweitet wie keine andere Nation. Tatsächlich hat Wladimir Putin den Bestand an Edelmetall seit der Finanzkrise 2009 verdoppelt.


Die Goldbestände der Russischen Föderation, hier in Millionen Unzen, haben sich seit 2009 verdoppelt
Quelle: Bloomberg

Wie plausibel wirkt es, dass der Kreml in nächster Zeit zu einer Pressekonferenz lädt und vor der erstaunten internationalen Presse verkündet: Investoren der Welt, legt eure Überschüsse in Rubel an. Er ist Gold-unterlegt und damit solider als der Dollar!

Nun, von einer goldgedeckten Währung ist Moskau noch ein gutes Stück entfernt. Russland hat seine Edelmetallreserven zwar in rascherem Tempo aufgestockt als andere große Ökonomien auf dem Planeten - aber ausgehend von einer niedrigen Basis. Noch in den Neunzigerjahren verfügte Moskau über überhaupt kein Edelmetall.

Selbst jetzt, mit einem Goldbestand von 1.238 Tonnen (Stand Juni 2015), ist Russland nur die Nummer sechs der Gold-Halter, hinter den Vereinigten Staaten, Deutschland, dem Internationalen Währungsfonds (IWF), Italien und Frankreich.

Dazu kommt: Beim jetzigen Kurs bedeuten 1.238 Tonnen Gold oder umgerechnet 40 Millionen Unzen, dass sich die russischen Reserven nur auf knapp vier Prozent der russischen Wirtschaftsleistung belaufen. Zu wenig für eine echte Gold-Valuta, die als "gedeckte Währung" glaubwürdig ist.

Glaubwürdig wäre der Gold-Rubel nur, wenn Investoren sich darauf verlassen könnten, dass das Papiergeld oder Buchgeld jederzeit in Gold umzutauschen ist.

Mit seinen 3.383 Tonnen Goldreserven ist Deutschland genauso weit oder genauso nah an einer Goldwährung wie Russland. Die Bundesrepublik hätte theoretisch die gleiche Ausgangsbasis, einen Gold-Euro oder eine Gold-Mark als Reservewährung zu installieren.


Quelle: IWF, World Gold Council, eigene Recherche


Im direkten Vergleich hätte Deutschland sogar bessere Voraussetzungen: Deutsche Bundesanleihen sind in Europa bereits fest als Benchmark-Anleihen etabliert, während russische Staatspapiere sich allenfalls in (spekulativen) Schwellenländer-Fonds finden. Als Reservewährung spielt der Rubel aktuell keine Rolle.

Das liegt auch am Mangel an Vertrauen in die Solidität der russischen Finanzpolitik.

Um in die Nähe einer ähnlichen Golddeckung zu kommen wie im klassischen Goldstandard, müsste der Kreml seine Edelmetallbestände verzehnfachen. Das ist ein ebenso aufwändiges wie kostspieliges Unterfangen.

Ob Putin so weit gehen will und kann, um den Dollar zu entthronen?



Verkehrte Welt



In den Jahren 1999 bis 2001, als es notwendig und wichtig gewesen wäre, sich Griechenland und die Eurozone genauer anzuschauen, waren Scharen von deutschen Wirtschaftsjournalisten auf das Internet und die New Economy angesetzt. 


Und heute, da das Netz, Roboter und Künstliche Intelligenz die Weltwirtschaft in eine völlig neue Art von Ökonomie verwandeln - womit beschäftigen sie sich heute? Tag für Tag mit Griechenland. Griechenland in allen Deklinationen, Griechenland, das zwar ein schönes Land ist, aber - mit Verlaub - nicht das Epizentrum der Umwälzungen im 21. Jahrhundert

Montag, 1. Juni 2015

Der Euro hat als Weltwährung abgedankt, oder?

Der Euro ist als werterhaltende Reservewährung abgemeldet. Die Europäer können ihren Traum von der Weltwährung begraben. Das waren Schlagzeilen, die in den letzten Wochen über den Äther gingen.

Als Hauptbeleg wurden die Verschiebungen bei den internationalen Devisenbeständen angeführt. Der Anteil des Euro an diesen Reserven ist in den vergangenen vier Quartalen nämlich zurückgegangen, von 24,5 auf 22,2 Prozent.

Doch läutet das wirklich schon das Ende des Euro als Reservewährung ein? Bedeutet das, dass Fonds, Regierungen, Notenbanken und internationale Organisationen künftig keine Überschüsse mehr in der europäischen Gemeinschaftswährung anlegen, dass sie Euro-Papiere im großen Stil abstoßen?

Der kurzfristige Chart scheint von einem "Absturz" des Euro als internationales Wertaufbewahrungsmittel zu künden ...


Flucht der internationalen Notenbanken aus dem Euro?
Quelle: IWF COFER


... doch in Relation gesetzt sieht es nur noch halb so wild aus:


Leichte Aufwärtstendenz beim US-Dollar, leichte Abwärtstendenz beim Euro
Quelle: IWF COFER

Noch gibt es keinen Grund, die Alarmanlage wummern zu lassen. Da die Gesamtheit der Bestände in Dollar ausgewiesen wird, dürfte der Rückgang des Euro-Anteils vorwiegend dem Rückgang des Euro-Kurses von 1,40 Dollar auf 1,10 Dollar geschuldet sein.

Die Euro-Positionen ausländischer Notenbanken verlieren damit rechnerisch an Wert, das heißt aber nicht, sich der offizielle Sektor auf breiter Front aus der Währung verabschieden würde. Umgekehrt fiel zum Beispiel das Kurs-Hoch des Euro in den Jahren 2008 bis 2009 zusammen mit seinem Spitzenwert bei den Devisenreserven von fast 30 Prozent.

Kurz- und mittelfristig haben die Notenbanken der großen Überschussnationen einigen Anlass, trotz der Kursverluste im Euro zu bleiben. China, Russland und anderen dürfte es kaum gefallen, ihren gesamten Staatsschatz ausschließlich in Dollar zu halten, und das schon aus geopolitischen Gründen.

Gleichwohl sollten wir wachsam bleiben, wie tief der Euro-Anteil an den Devisenreserven absackt. Immerhin scheint die Neigung der Geldmanager ziemlich gering, die Buchverluste durch Zukauf weiterer Euro-Papiere auszugleichen, und so den Euro-Anteil an den Gesamtreserven zumindest konstant zu halten.

Kritisch werden könnte es vor allem dann, wenn der chinesische Renminbi voll konvertierbar wird und das Reich der Mitte dank zunehmend entwickelter Börsen eine eigene Reservewährung stellt. Der chinesische Anleihenmarkt könnte dann schnell "entwickelter" erscheinen als der stark fragmentierte europäische, dessen Kern - nämlich der deutsche - dazu noch schrumpft.

Die von mir in "Weltkrieg der Währungen" (2010) vorhergesagte Aufstieg des Yuan materialisiert sich mehr und mehr. Und die absolute Dominanz des US-Dollar in der Sphäre der Devisen geht zu Ende. Auf über 70 Prozent der Reserven, wie noch Anfang vergangenen Jahrzehnts, wird es die amerikanische Währungen wohl nicht mehr bringen.

Bleibt noch die Frage, ob es so erstrebenswert ist, eine Weltwährung zu stellen. Die Väter des Euro haben das nie als Ziel formuliert, und die wohlhabende Schweiz kommt gut ohne Weltwährung zurecht. Da können wir die Eidgenossen gern als Vorbild nehmen



Ende 2014 (das sind die aktuellsten vorliegenden Daten) stand der Euro für mehr als ein Fünftel der globalen Devisenreserven. Yen und Pfund brachten es auf rund vier Prozent. Alle übrigen Währungen, auch der Schweizerfranken, kamen unter ferner liefen ...



Uns so sah es im ersten Quartal 2014 aus, vor dem Absturz des Euro-Wechselkurses zum Dollar: Gar nicht so viel anders 



Darüber hinaus ist es unwahrscheinlich, dass der Euro mehr Akzeptanz gewinnt, solange es keinen Eurobond-Markt gibt






Wie sich die Zeiten ändern

Früher fragten die jungen Leute den Finanzredakteur "Mit welchen Aktien werde ich reich?", dann wollten sie lange Zeit vor allem wissen "Wie sichere ich meine Rente im Alter?", jetzt interessiert sie nur noch eins: "Und wann kommt endlich der Grexit?"