Freitag, 7. November 2014

Wir Kafkapitalisten

Es ist ein kurioser Kapitalismus, den die Deutschen praktizieren. Sie haben ein paar der besten Firmen der Welt hervorgebracht und beglücken den Weltmarkt mit ihren hochwertigen, soliden Produkten. Aber sie selbst macht er nicht glücklich.

Deutsche Waren sind gefragter denn je, wie die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen: Im September hat Deutschland einen Rekord bei den Ausfuhren aufgestellt: Die Bundesbürger verkauften Güter im Wert von 102,5 Milliarden Euro ins Ausland - so viel wie nie zuvor in einem Monat.

Die Deutschen exportieren, und sie beliefern die globalen Märkte oder arbeiten doch zumindest in Behörden, die die Infrastruktur für all das zur Verfügung stellen. Doch kaum haben sie ihren PC ausgeschaltet, wollen sie mit Märkten nicht mehr viel zu tun haben. Nimmt man ihren Umgang mit Geld als Indiz für Mentalität, wünscht sich ein Großteil der Bürger vor allem eins:

Ruhe und Rentier sein.

Der Rentier hat seinen Namen daher, dass er die sichere Rente über Zinsen oder Mieteinnahmen dem unsicheren unternehmerischen Engagement vorzieht. Ein geringes, aber regelmäßiges Einkommen ist ihm lieber als ein potenziell hoher, aber ungewisser Ertrag. Das kann sinnvoll sein. Dennoch ist es verwunderlich, wie marktfern eine Nation ist, die am Markt solche Erfolge feiert.



Quelle: Steinbeis-Hochschule

Der Nichtkapitalismus der Deutschen treibt kuriose Blüten. Denn natürlich brauchen ihre großartigen Firmen Kapital für ihre Expansion. Das bekommen sie auch, nur eben nicht aus der Heimat. Jenseits der Grenzen ist man bereit, in den Dax zu investieren. Rechnerisch gehören die 30 größten deutschen Börsenunternehmen zu fast zwei Dritteln ausländischen Eigentümern, die damit übrigens meist gute Rendite machen.

Das hat paradoxe Folgen: Während die (tendenziell steigenden) Erträge der deutschen Konzerne ins Ausland fließen, legen die deutschen Arbeitnehmer ihre Überschüsse zum überwältigenden Teil in Zinsprodukten an, die immer weniger abwerfen. Die Deutschen werden so zu Fremdkapitalgebern, mit riesigen Forderungen gegenüber Banken und Versicherungen.

Theoretisch könnten die Kapitalsammelstellen, das ihnen anvertraute Geld der Rentiers wiederum in Unternehmen investieren. Das wird ihnen durch Regulierung aber zunehmend erschwert.

Und hier wird es endgültig kafkaesk: Denn die Deutschen haben in den vergangenen Jahrzehnten zugelassen, dass ihre Reallohnentwicklung hinter der anderer Völker zurückgeblieben ist. Diese "Effizienzsteigerungen" und "Rationalisierungen" ermöglichen den Firmen Rekordgewinne.

Statt ihren Anteil an steigenden Gewinnen über Aktien und andere Beteiligungsformen einzufordern, bringen die Bundesbürger ihre Ersparnisse zur Bank, wo die niedrig- bis unverzinst vor sich hin gammeln. Denkt man das weiter, bedeutet das: Die Deutschen müssen künftig noch mehr arbeiten, um gleich viel zu verdienen, um am Ende weniger Zinsen und Rente zu beziehen. Wahrlich kafkapitalistisch!

Der Kafkapitalismus der Deutschen kennt kein Happy-End. Entweder wird das viele Geld am Ende Blasen nähren, zum Beispiel an den Immobilienmärkten, und seine Kaufkraft wird beim Platzen der Blasen vernichtet, oder es wird höheren Vermögenssteuern unterworfen, und die Kaufkraft wird ebenfalls dezimiert.

Zunächst einmal aber heißt es noch mehr strampeln und trampeln, für ein Gefühl der Sicherheit, das immer schwerer zu erreichen sein wird.

Moral: Wenn jeder ein Rentier sein will, wird aus dem Volk eine Herde von Rentieren

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