Sonntag, 9. November 2014

Selfie auf der Bornholmer Brücke

Heute auf der Bornholmer Brücke in Berlin. Wo vor 25 Jahre die Grenze zwischen Ost und West fiel - Hunderte Menschen. Man unterhält sich in gedämpftem Ton. Respektvoll. Fast ehrfürchtig. Erinnerungsfotos werden Fotos gemacht.

Als würden die Besucher, Berliner wie Touristen, eine Kathedrale besichtigen. Tatsächlich erinnert die offene Stahlkonstruktion der Brücke an das offene Gewölbe eines Doms. Eine lichte Kathedrale der Freiheit, muss ich denken.


Lichte Kathedrale der Freiheit: Die Bornholmer Brücke 25 Jahre nach der Öffnung der Grenze
Foto: Daniel Eckert


Was ehren wir am 9. November? Vor allem anderen ist der Tag ein Fest der Freiheit. Im Herbst 1989 endete ein Regime der Unterdrückung, eine Diktatur stürzte. Und mit der DDR sollte sich auch das sowjetische Imperium auflösen, das ein Reich der Herrschaft durch Gewalt und der Androhung von Gewalt war.

Es wäre eine Verzerrung der Geschichte, den November 1989 als einen nationalen Freiheitskampf zu glorifizieren, wobei nationale Befreiung in anderen Staaten des Ostblocks damals ein entscheidender Beweggrund gewesen sein mag. Das Joch der Fremdherrschaft abschütteln. Selbstbehauptung als Volk. Selbstbestimmung als Volk. Bis heute ist das in Osteuropa ein Movens.


Zum Jubiläum markieren Ballons den früheren Verlauf der Mauer
Foto: Daniel Eckert
In Deutschland hat das Nationale jedoch nach der Wende keinen Eingang in die politische Kultur oder das politische Geschehen gefunden. Die Feiern zu Einheit finden ohne jedes nationale Pathos statt. Diese "deutsche Einheit" klingt nie nach "Gemeinsam sind wir stark" oder gar nach "Gemeinsam sind wir unschlagbar".

Die Friedliche Revolution von 1989 hat in Deutschland auch keinen Kult der Freiheit im Sinne des klassischen Liberalismus hervorgebracht. Wie Umfragen, aber auch persönliche Gespräche immer wieder bestätigen, ist Freiheit nur für einen kleinen Teil der Deutschen Leitstern ihres Lebens.



Für die Mehrheit der Bürger stehen (soziale) Gerechtigkeit und Sicherheit mindestens gleichrangig neben Liberalität. Eben dieses Versprechen auf Wohlstand konnte die DDR in den Achtzigerjahren nicht mehr halten, zu augenfällig wurde der Rückstand auf den Westen. Die heruntergekommenen Innenstädte, der Mangel als Dauerzustand. Auch dies ein Grund für die Revolution von 1989. Der Sozialismus lieferte nicht, was er versprach.


Früher getrennt, heute geeint. Der Schwedter Steg verbindet
nun die Stadtteile Prenzlauer Berg (Ost) und Wedding (West)
Foto: Daniel Eckert
Aber da war noch mehr: Die Demonstrationen, die im 9. November 1989 kulminierten, richteten sich gegen Wahlfälschung, gegen mediale Manipulation und gegen eine Regierung, die sich nicht an die eigenen Gesetze hielt. Die Proteste von 1989 waren ganz klar ein Kampf für das Recht.

Doch Kampf setzt auch Mut voraus. Denn der Einsatz war hoch. Das Jahr 1989 ist das Jahr des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens. In Peking hatte es Hunderte Toten gegeben. Wer in Leipzig oder Berlin oder anderen Städten der DDR für das Recht auf die Straße ging, musste damit rechnen, dass er auf der kalten grausamen Straße enden würde.

Gemeinsam überwanden die Revolutionäre von 1989 jene Angst, die immer die stärkste Waffe der Gewaltherrscher ist. Den Kirchen und dem Christentum kommt daran kein geringes Verdient zu.


Die Friedliche Revolution von 1989 hat die Deutschen nicht zu leidenschaftlichen Freiheitsfreunden gemacht, aber auch nicht zu nationalistischen Heißspornen
Foto: Daniel Eckert

Der 9. November ist ein Feiertag der Einheit, der Freiheit und des Rechts. Wir verneigen uns vor dem Mut jener Menschen, die sich nicht mehr mit dem Unrecht abfinden wollten. Sie gemahnen uns daran, dass wir, als Bürger, immer etwas ändern können.

Solange wir das beherzigen und noch etwas von dem Mut der Revolutionäre in uns ist, wird mir um die Freiheit in Deutschland nicht bange




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