Mittwoch, 19. November 2014

Die Crashclowns und der Tod

Die Crashpropheten erinnern mich an traurige Clowns. Sie sind ebenso unterhaltsam und beliebt wie diese, oft aber auch ebenso grotesk im Auftreten. Man denke nur an den weithin verehrten "Dr. Doom" Marc Faber mit seiner Pferdeschwanz-Frisur und seinem diabolischen Grinsen.

Oder an den Aufruf, sein Vermögen dadurch zu retten, dass man sich eine Streuobstwiese kauft, in der man bestenfalls noch Silbermünzen verbuddelt.


Handelsblatt Online vom 27. November 2014

Ähnlich wie die Zirkusclowns oder auch die Hofnarren früherer Zeiten sprechen Crashpropheten hinter einer Maske manche unbequeme Wahrheit aus. Dafür gebührt ihnen eine gewisse Anerkennung, auch wenn sie an ihrer Katastrophen-Show gut verdienen.

Doch scheint mir, der Aufstieg und die Popularität der Crashpropheten in Deutschland hat nicht nur damit zu tun, dass sie im Kostüm des Klamauks Wahres und Unbequemes über die Weltwirtschaft verkünden. Sie sprechen auch tiefe Wahrheit über das Leben an sich aus.

Das eigentliche Thema dieser traurigen Clowns dürfte nicht der Untergang unseres Wirtschafts- und Finanzsystems sein, sondern der Tod.

Vielleicht ist das Gerede über den ultimativen Crash, über den großen Knall in Wahrheit die heutige Einkleidung, diskret über das Tabuthema Tod zu sprechen. Alles muss irgendwann enden. Nicht nur Papiergeld strebt über die Zeit seinem eigenen materiellen Gegenwert von nahe Null entgegen. Auch unser körperliches Dasein.

Dazu passt die Obsession der Crashclowns mit der Verschuldung. Freud stellte fest, jeder Mensch schulde der Natur einen Toten, nämlich sich selbst. Sind in unserem zahlenverliebten Zeitalter aus diesem Toten die Billionen von Zellen geworden, aus denen wir bestehen und die wir der Natur schuldig bleiben, bis wir am Tag unseres Todes mit Rückzahlung beginnen, Die Schuld tilgen?

Das würde erklären, warum dies Worte der Crashclowns so aufwühlen. Das Unbehagen darüber, ein säumiger Schuldner der Natur zu sein, würde dann rhetorisch in das Unbehagen überführt, dass "die Staaten der Welt" so sehr auf Pump leben. Vor allem die westlichen Gesellschaften mit ihrem vielen Konsum. Und ist Konsum nicht auch eine Sünde an der Umwelt?

Und natürlich wäre es eine besondere Kränkung, wenn "die anderen" (Staaten) nicht nur mehr auf Pump leben als man selbst, sondern damit auch noch durchkommen.
Wenn ich meine Schuld zurückzahlen muss, dann sollen die anderen erst recht! Und am besten noch vor mir! Sonst bin ich doch der Betrogene!

Die Crashpropheten haben zuweilen gute Argumente, und sie sprechen zum Teil ernste ökonomische Probleme an. Doch sie sind damit nicht allein. Das tun auch Politiker und Wissenschaftler. Ihren Star- und Guru-Status gewinnen die Crashpropheten dadurch, dass sie uns die heutige Form des Mahners sind, der uns auf subtile Weise daran erinnert, dass alles vergänglich ist.

Das Reden über den Crash als das gesellschaftlich akzeptierte Reden über das Ende? Eine moderne Form von Parusie? Es würde zu einer Gesellschaft passen, die sich über materiellen Wohlstand definiert, zunehmend weniger religiös ist und den Tod als Tabuthema behandelt.

Nicht zuletzt würde es zu einer Gesellschaft passen, die altert und deren verständliches Bedürfnis, in psychologisch akzeptabler Form über das nahende Ende zu sprechen, im Lauf der Jahre dringlicher wird. Wenn die Mahner dann noch unterhaltsam oder geradezu witzig sind ... umso besser. 

Humor lindert Angst



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