Sonntag, 30. November 2014

2015 bringt Geldregen für Aktionäre

Die Commerzbank gibt einen Ausblick auf die Dividendensaison 2015. Das kommende Jahr beschert Aktionären von Deutschlands Firmen demnach Rekord-Ausschüttungen. Nach den Berechnungen der Ökonomen werden die 30 Dax-Unternehmen ihre Anteilseigner mit insgesamt 30,2 Milliarden Euro beglücken. Das sind zwölf Prozent mehr als 2014.


Das kommende Jahr bringt einen Geldregen für Aktionäre: Zwölf Prozent mehr!
Quelle: Commerzbank


Nach Prognose der Commerzbank werden 18 Dax-Unternehmen ihre Dividende erhöhen, lediglich zwei werden sie senken. Die Ausschüttungsquote wird von 36,5 Prozent auf auf 38,6 Prozent steigen, was summa summarum zu dem zwölf-prozentigen Plus führt. 

Mit die deutlichste Erhöhung der Ausschüttungsquote gibt es bei der Allianz, die 2015 wohl auch den Dividendenkönig im Dax stellt: Der Versicherer habt den Anteil des ausgeschütteten Gewinns von 40 auf 50 Prozent an.

Bei einer aktuellen Marktkapitalisierung von rund einer Billion Euro bedeutet eine Ausschüttung von 30,2 eine Dividendenrendite von drei Prozent. Unternehmensanleihen mit BBB-Rating werfen im Moment lediglich 1,5 Prozent ab, deutsche Staatsanleihen (Bonitätsbestnote AAA) mit zehn Jahren Laufzeit weniger als 0,7 Prozent. 

Auch weltweit verspricht 2015 rekordträchtig zu werden. Die Fondsgesellschaft Henderson Global Investors erwartet einen Anstieg der globalen Dividendensumme auf 1,24 Billionen Dollar. In diesem Jahr waren es 1,19 Billionen Dollar

Freitag, 28. November 2014

Japans Wirtschaft im Krebsgang

Japan hat ein Problem mit der Demographie. Aber die schrumpfende Erwerbsbevölkerung ist nicht das einzige, was die japanische Wirtschaft bremst. Das Hoffen darauf, dass steigende Produktivität den Rückgang der Arbeitskräfte ausgleichen könnte, scheint verfehlt.

In den vergangenen 25 Jahren stieg die Produktivität längst nicht schnell genug, um die Effekte der Alterung aufzufangen. Wie ein Blick auf die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf verdeutlicht:


Quelle: IWF World Economic Outlook Oktober 2014
Gross domestic product per capita in current prices and national currency

Bezogen auf den einzelnen Japaner ist die Wirtschaftskraft in Landeswährung seit 1990 um magere sechs Prozent gewachsen. Nicht pro Jahr wohlgemerkt, sondern in dem gesamten Zeitraum! In den Vereinigten Staaten lag die BIP-Steigerung pro Kopf in diesem Vierteljahrhundert bei 124 Prozent, in Deutschland bei 118 Prozent.

Verblüffend übrigens, dass keine etablierte Industrienation ein so starkes Pro-Kopf-Wachstum hatte wie Großbritannien. Die hohen deutschen Zahlen relativieren sich dadurch etwas, dass es in den Neuen Bundesländern ein hohes Aufholpotenzial zum westlichen Standard gab.

Für Japan ist die Entwicklung selbst dann kaum ermutigender, wenn man die starke Yen-Aufwertung seit Anfang der Neunzigerjahre (also die Kaufkraftstärkung der Einwohner auf dem Weltmarkt) einkalkuliert. In Dollar gerechnet bleibt das Wachstum pro Kopf deutlich hinter dem anderer Industriestaaten zurück.


Quelle: IWF World Economic Outlook Oktober 2014

Unter dem Strich bedeutet das, dass auf jedem Japaner eine immer größere Schuldenbürde lastet. Die ökonomische Dynamik scheint bei weitem nicht groß genug, um den immer gewaltigeren Berg von Verbindlichkeiten durch Wachstum undoder Inflation abzutragen.


Japan hat die höchste Pro-Kopf-Staatsverschuldung der Welt
Quelle: IWF

Seit 1980 hat sich die Pro-Kopf-Verschuldung allein über die staatlichen Verbindlichkeiten von gut einer Million Yen auf jetzt nahezu zehn Millionen Yen erhöht. Keine guten Aussichten für ein Land, dessen Einwohnerzahl sinkt, ohne dass eine steigende Produktivität den Verlust an Arbeitskräften ausgleichen könnte



Quelle: IWF


Angesichts dieser Zahlen scheint die Monetisierung der Schulden (also der Aufkauf von Staatstiteln durch die Notenbank) die am wenigsten schmerzliche Lösung zu sein


USA dominieren Rangliste der größten Unternehmen

Apple, der Megakonzern des 21. Jahrhunderts, überragt sie alle. Rund 700 Milliarden Dollar ist der iPhone-Hersteller am Aktienmarkt wert, mehr als sämtliche russischen Aktiengesellschaften zusammen.

Doch auch die restliche Rangliste der größten Börsenkonzerne spricht amerikanisches Englisch, mit einer einzigen Ausnahme: Der chinesische Internethändler Alibaba schafft es mit derzeit 278 Milliarden Dollar Börsenwert auf Rang acht der Top-10.


Quelle: Bloomberg, Stand Ende November 2014

Europäer sind unter den zehn größten Unternehmen der Welt nicht mehr vertreten. Auf Platz elf und zwölf rangieren mit Novartis und Roche zwei Gesellschaften aus der Schweiz.

Erst auf Rang 21 findet sich schließlich die marktschwerste Firma aus der Europäischen Union: die britisch-niederländische Royal Dutch Shell, Öl und Gas, mit einem Börsenwert von 215 Milliarden Dollar.

Größte deutsche Aktiengesellschaft ist die Chemie- und Pharmafirma Bayer mit umgerechnet 124 Milliarden Dollar Kapitalisierung. Bayer belegt aktuell Position 54 der Weltrangliste.

Die drei US-Technologiekonzerne - Apple, Microsoft und Google - unter den Top-5 erinnern uns daran, wie sehr die digitale Lebenswelt durch Innovationen made in USA bestimmt ist

Donnerstag, 27. November 2014

Warum Reformen machen ...

... als Staat, wenn Notenbankgeld so billig ist, und - das wollen wir nicht vergessen - so viele deutsche Lebensversicherte froh drüber sind, ein paar Renditepunkte mehr auf ihre Police gutgeschrieben zu bekommen?

Da liegt die Versuchung für die Versicherungsgesellschaften nah, so lange französische Staatsanleihen zu kaufen, wie deren Zins sich noch nicht dem Niveau von Bundesanleihen angeglichen hat. Im Moment sind es immerhin 0,30 Prozentpunkte mehr.

Liebe Franzosen, herzlich willkommen im Club der Superbilligverschulder!


Rendite der französischen Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit erstmals unter ein Prozent
Quelle: Bloomberg

Mittwoch, 26. November 2014

Wer ist der größte Währungsmanipulator der Welt?

Nicht der, den man im Sinn hat. Gemessen an der Größe der eigenen Volkswirtschaft greift keiner so sehr am Devisen- und Finanzmarkt ein wie die Schweiz.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat ihre Bilanzsumme durch die sukzessive Interventionen auf 523 Milliarden Franken aufgebläht, das entspricht 84 Prozent des eidgenössischen Bruttoinlandsprodukts.  


Quelle: Bloomberg, eigene Recherche


Im Vergleich mit der SNB wirkt die EZB fast wie ein Währungskriegsverweigerer. Das Volumen ihrer Bilanzsumme entspricht gerade mal einem Fünftel des Euroland-BIP. 

Zweitgrößter Devisenmanipulateur sind die Chinesen, gefolgt von den Japanern, die allerdings stark aufholen.

Zur Ehrenrettung der Eidgenossen muss gesagt werden, dass auch so kaum eine Währung so sehr überbewertet ist wie der Schweizerfranken. Laut Big Mac Index des "Economist" ist der Franken zum Dollar um 43 Prozent zu teuer

Dienstag, 25. November 2014

Gold geht 2015 Richung 1000 Dollar, sagen die Banken

Der vermeintliche Goldhunger des "antiamerikanischen Lagers" wird nicht reichen, um gegen US-Geldpolitik und Dollar-Dominanz anzugehen, schreiben die Ökonomen die Helaba und sagen für Mitte 2015 einen Unzenpreis von 1050 Dollar voraus. Die vorherige Prognose lag bei 1200 Dollar. 


Goldpreis in Dollar je Feinunze seit 2009
Quelle: Bloomberg


Vor wenigen Wochen hatte ABN sich an die Spitze der Gold-Pessimisten gesetzt. Die Niederländer warnen Anleger, der Kurs könne nächstes Jahr auf 800 Dollar einbrechen 

Montag, 24. November 2014

Wer diese Kurve sieht, kommt ins Grübeln ...

... ob die niedrigen Zinsen wirklich nur eine Folge der EZB-Politik sind. In Deutschland befindet sich die Realrendite schon seit Mitte der Neunzigerjahre auf dem Rückzug, lange vor Mario Draghi.


Realrendite in Deutschland. Nach Abzug der Inflation blieb in den Neunzigern oft noch drei Prozent übrig, heute ... nichts
Quelle: Bloomberg, Statistisches Bundesamt, eigene Recherche


Eine Erklärung ist wohl die demografische Entwicklung: Ältere Menschen fragen mehr Sicherheit und Verlässlichkeit nach, also genau das, was Bundesanleihen und andere Schuldtitel der Staates bieten. Diese Nachfrage treibt die Rentenkurse und lässt die Rendite den Abflug machen.

Ein anderer Faktor dürfe der globale "Währungskrieg" sein: Bundesanleihen sind als die sichersten liquiden Euro-Papiere ein begehrtes Kaufobjekt für alle möglichen Staaten, die den Wechselkurs ihrer Heimatwährung zum Euro drücken wollen.

So sollten die deutschen Sparer den "Zinsklau" nicht zu sehr einem einzigen Menschen, nämlich Mario Draghi zuschreiben, auch wenn der ein paar Jahre lang bei Goldman Sachs gearbeitet hat. Manche Mächte sind eben noch mächtiger als die Notenbank.

Und dazu gehört die unsichtbare Macht der Demografie


Gold beißt Aktie - nicht wirklich

Gold und Aktien sind wie Katz' und Maus. Von wegen!

Investments in Gold und Aktien schließen sich nicht aus. Mit beiden Anlagen waren langfristig gute Erträge zu erzielen. Welches Investment die Nase vor hat, hängt vom Einstiegszeitpunkt ab, wobei tendenziell Aktien (als Produktivkapital) die bessere Wahl waren.


Die Veränderung von Dow Jones Industrial (rot) und Goldpreis (blau) in Prozent seit den Siebzigern. Häufig entwickeln sich beide in die gleiche Richtung, vor allem seit der Jahrtausendwende
Quelle: Bloomberg, eigene Recherche


Wer 1971, beim Ende des Festwechselkurssystems von Bretton Woods in weiser Voraussicht Gold kaufte, konnte rechnerisch einen Ertrag von acht Prozent jährlichen erzielen, mit dem Dow Jones waren sieben Prozent möglich, allerdings - und das ist eine wichtige Einschränkung - ohne Dividenden.

Wer zwei Dekaden später, im Jahr 1991, einstieg, fuhr mit Aktien besser als mit Gold, konnte aber auch mit den gelben Metall eine ordentliche Rendite von fünf Prozent machen, worüber sich in den Zeiten des Nullzins heute wohl niemand beschweren wird.


Das zurückliegende Vierteljahrhundert war für Aktien-Investoren eine fulminante Zeit: Mehr als zehn Prozent warfen die Papiere des US-Leitindex Dow Jones ab, fast doppelt so viel wie Gold - Transaktionskosten außen vor gelassen
Quelle: Bloomberg


Was die Daten ebenfalls zeigen: Gold-Anleger müssen immer wieder lange Durststrecken ertragen, und wenn ich schreibe lange, meine ich: lange. Zwischen 1991 und 2003 rührte sich der Unzenpreis nicht von der Stelle. Inflationsbereinigt bescherte Gold seinen Fans in der Zeit ein fettes Minus.

Allgemein aber gilt: Aktien und Gold sind nicht wie Katz' und Maus, eher wie Hund und Katz' ... Sie jagen sich und sie vertragen sich


Sonntag, 23. November 2014

Korrelationen, die kaum mehr sind als Klischees

Im Fernsehen läuft derzeit eine Werbung für einen Anbieter von Finanzwetten: Wenn der Dow Jones fällt, steigt der Goldpreis, heißt es da ... und mit dem Wissen könne man gleichsam Geld nebenher machen. So einfach ist das. Und so falsch. Das Edelmetall verteuert sich keineswegs immer, wenn Aktien in den Keller gehen.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich vielmehr: Gold und Börse ignorieren sich meist, sie entwickeln sich nahezu unabhängig voneinander. Wie aus einer Analyse der Kursbewegungen über viele Jahre hinweg hervorgeht.

Die Korrelation zwischen Dow Jones und dem Unzenpreis lag zwischen dem Jahr 2000 und heute bei -0,02 und damit bei nahe null. Kein Zusammenhang. Niente. Nada. Nix.

Für den Dax und Gold gilt: das gleiche.

Nach der Finanzkrise ist die Korrelation sogar leicht, wenngleich kaum merklich ins Positive gedreht.
Will sagen: Wenn überhaupt, gibt es eine minimale Tendenz, dass sich auch das Edelmetall verteuert, wenn Aktien teurer werden, Beide Neigungen sind jedoch so gering, dass sich schwerlich eine Handelsstrategie darauf aufbauen lässt.

Zur Einordnung: Die Korrelation zwischen dem Dax und dem Bund-Future liegt bei -0,4. Anleihen des Bundes haben eine ausgeprägte Tendenz zu jubilieren, wenn Dax-Titel den Blues bekommen - und umgekehrt.

Einen hohen Gleichlauf mit dem Index weisen dagegen BASF-Aktien auf, mit einem positiven Wert von rund 0,8. Der Börsenkurs des Chemiekonzerns strebt also fast immer in die gleiche Richtung wie der Dax.


Es ist nahezu unmöglich, sein Aktienportfolio mit Silber abzusichern
Quelle: Bloomberg, eigene Recherche


Ironischerweise gibt es auch eine positive Korrelation zwischen dem Dax und dem Silberpreis (der Wert liegt immerhin bei rund 0,2). Das heißt: Das vermeintliche Krisenmetall, mit dem sich viele Unbedarfte eindecken, um gegen den großen Crash gewappnet zu sein, läuft meist in die gleiche Richtung wie der Aktienmarkt.

Steigt der Dax, steigt oft auch Silber. Fällt der Dax, fällt oft auch Bruder Fahl. Was logisch ist, wenn man sich überlegt, dass das Weißmetall als Industrierohstoff ebenso an der Weltkonjunktur hängt wie das Geschäft der meisten Dax-Unternehmen

Freitag, 21. November 2014

Zweimal die ganze halbe Wahrheit über die Börsenrallye

Der Dow Jones Industrial - für viele der Weltleitindex der Börsen - hat heute ein neues Rekordhoch markiert. Befinden sich Aktien damit in einem Spekulationsblase?

Dieser Chart scheint das nahe zu legen. Das Signal: Alarm, es geht viel zu schnell. Crash-Gefahr!


Quelle: Bloomberg


Dieser Chart hingegen sagt: Entspann dich, alles noch im Rahmen. Gestiegen heißt nicht verstiegen.


Quelle: Bloomberg


Beide Charts zeigen den Dow Jones Industrial Index seit dem Jahr 1984, der erste in normaler, der zweite in logarithmischer Darstellung: Ein 1000-Punkte-Anstieg von 10.000 auf 11.000 Punkte sieht auf dem logarithmischen Chart genauso steil aus wie ein Anstieg um 100 Punkte von 1000 auf 1100 Punkte. Da wirkt die jüngste Rallye gar nicht mehr so frenetisch.

So viel zum Thema "Immer schön bei der Wahrheit bleiben". Welcher Graph wäre denn nun der, der vom wahren Zustand des US-Aktienmarkt kündet?

Sind Banker schlechtere Menschen?

Banker neigen in ihrem Beruf eher zum Lügen und Tricksen als andere Berufstätige. Das behaupten Forscher der Universität Zürich auf Basis eines interessanten psychologischen Experiments, über das die "Welt" berichtet.

In dem Test konfrontierten die Wissenschaftler Probanden aus verschiedenen Berufsgruppen mit Aufgaben, die ihnen die Wahl zwischen ethischen und weniger ethischen Entscheidungen ließen.

Durch kleine Betrügereien konnten die Probanden mehr "Geld" einheimsen und den Test damit im Vergleich mit anderen erfolgreicher abschließen als durch ehrliches Verhalten. Betrügen wurde also belohnt.

Trotz dieser Anreize zeigten andere Berufstätige, zum Beispiel aus der Gesundheits- oder Telekommunikationsbranche nach Aussage der Wissenschaftler keine erhöhte Tendenz zum Lügen und Tricksen, Banker sehr wohl.

Jedoch konnten die Forscher durch einen Trick ausschließen, dass die Banker per se unmoralische Menschen sind, dass also von vornherein nur Schurken in der Geldbranche gehen.

Im Test unterschied sich das Vorgehen der Banker deutlich, je nachdem ob sie durch scheinbar beiläufige Vorfragen (Priming) in private oder berufliche Verhaltensmuster versetzt wurden.
Agierten sie als Privatpersonen, waren sie nicht unmoralischer als andere.

Als Erklärung für das unethische Verhalten der Banker vermuten die Wissenschaftler die geld- und profitgetriebene Firmenkultur in der Finanzbranche.

Ein Mitautor der Studie regte an, Bankangestellte sollten sich künftig qua Berufseid zu moralischem Verhalten verpflichten, "ähnlich dem hippokratischen Eid für Ärzte". Ob das hilft?

Donnerstag, 20. November 2014

Russlands verwundete Ökonomie

Russlands verwundete Ökonomie ist das Titelthema des "Economist" von dieser Woche. Schon jetzt sind die Zeichen dieser Verwundung nicht mehr zu übersehen. Sie rührt nicht nur aus dem Ringen mit dem Westen um die Ukraine, sondern auch aus unterlassener Selbstpflege.

In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten gehörte Russland zu den wachstumsstärksten Ländern der Welt. Die Wirtschaft des Bären expandierte zwischen 1998 (dem Jahr des Staatsbankrotts) und 2013 um fünf Prozent pro Jahr, den fast achtprozentigen Einbruch das Jahres 2009 eingerechnet. Alles in allem hat sich das russische Bruttoinlandsprodukt seit dem Tief vor der Jahrtausendwende verzehnfacht.

Die Zeiten solcher Wachstumsraten sind vorbei. Schon 2013 ist der Zuwachs auf 1,3 Prozent gefallen, kein berauschender Wert für einen Emerging Market, der zumindest potenziell enormes Nachholbedarf hat. Dieses Jahr dürfte die russische Ökonomie allenfalls stagnieren, und für 2015 sagen die meisten Prognostiker gar einen Rückgang um 0,5 Prozent voraus.


Quelle: The Economist


Wirtschaft ist nicht alles, aber wenn ein großes Schwellenland als Wachstumstreiber ausfällt und über geopolitische Konfrontationen zusätzliche Unsicherheit provoziert, bleibt das nicht ohne Auswirkungen auf die Weltkonjunktur und die Finanzmärkte

Bargeld abschaffen? Die Chance für Bitcoin!

Der US-Ökonom Kenneth Rogoff will unser Bargeld abschaffen. Federal Reserve, EZB und andere Zentralbanken könnten dann leichter negative Zinsen durchdrücken, um Verbraucher zum Konsum zu animieren. „Banknoten sind das entscheidende Hindernis, die Zentralbank-Zinsen weiter zu senken“, sagte der Harvard-Wissenschaftler auf einer Veranstaltung in München.

Die Beseitigung von Bargeld wäre eine sehr einfache und elegante Lösung für dieses Problem“, erklärte Rogoff, der für sein Buch "This time is different" über Finanzkrisen bekannt wurde. Außerdem hätten es Steuerflüchtlinge und Kriminelle ohne Bargeld schwerer.

Ich finde es fast schon amüsant, wie wenig marktwirtschaftlich Rogoff, immerhin Ex-Chefkökonom des Internationalen Währungsfonds, denkt. Offensichtlich gibt es in vielen Ländern - aus welchen Gründen auch immer - einen Bedarf an Geldscheinen und Münzen. Schafft man das Euro-Bargeld ab, suchen sich die Leute ein neues Bargeld, seien das Goldmünzen, Bitcoins oder irgendetwas anderes, was nicht auf einem klassischen Konto liegt.


Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff hat Ideen.
Quelle: IWF


Die Abschaffung von Banknoten könnte die Chance für Internet-Währungen sein. Wenn ich in der Branche tätig wäre, würde ich Bitcoin von heute an "digitales Bargeld" nennen ... und hätte ein viel größeres Publikum.

Staatsbürgerlich betrachtet würde der Verbot von Bargeld uns alle zu Zwangsgläubigern von Banken machen und den politisch-finanziellen Komplex stärken. Politisch äußerst bedenklich.

Bargeld ist ein Bürgerrecht

Mittwoch, 19. November 2014

Investoren-Nachfrage nach Silber bricht ein

Da braucht man keine Verschwörungstheorie (mehr), um den schwachen Silberpreis zu verstehen: Die physische Nachfrage nach dem weißen Metall wird 2014 voraussichtlich um 6,7 Prozent sinken und nur noch bei rund einer Milliarde Unzen liegen. Das meldet der Silberminenbetreiber-Lobbyverband Silver Institute in Zusammenarbeit mit Reuters GFMS.


Die Industrie ist der größte Abnehmer des Weißmetalls.
Die schwache Weltkonjunktur schlägt auf den Silber-Preis durch
Quelle: Commerzbank/Silver Institute


Ein Rückgang ist laut Silver Institute in sämtlichen Absatzbereichen spürbar: Die Industrie fragt voraussichtlich 1,8 Prozent weniger nach, die Schmuckhersteller 4,4 Prozent weniger, und Investoren wollen sogar 21 Prozent weniger Münzen und Barren aus Silber kaufen.



Silberpreis in Dollar je Feinunze
Quelle: Bloomberg


Weniger wohlwollende Gemüter würden da von einem Einbruch sprechen. Bereits 2013 war Investment-Silber Wertvernichter des Jahres. Und dieses Jahr sieht die Preisentwicklung ähnlich mau aus


Die Crashclowns und der Tod

Die Crashpropheten erinnern mich an traurige Clowns. Sie sind ebenso unterhaltsam und beliebt wie diese, oft aber auch ebenso grotesk im Auftreten. Man denke nur an den weithin verehrten "Dr. Doom" Marc Faber mit seiner Pferdeschwanz-Frisur und seinem diabolischen Grinsen.

Oder an den Aufruf, sein Vermögen dadurch zu retten, dass man sich eine Streuobstwiese kauft, in der man bestenfalls noch Silbermünzen verbuddelt.


Handelsblatt Online vom 27. November 2014

Ähnlich wie die Zirkusclowns oder auch die Hofnarren früherer Zeiten sprechen Crashpropheten hinter einer Maske manche unbequeme Wahrheit aus. Dafür gebührt ihnen eine gewisse Anerkennung, auch wenn sie an ihrer Katastrophen-Show gut verdienen.

Doch scheint mir, der Aufstieg und die Popularität der Crashpropheten in Deutschland hat nicht nur damit zu tun, dass sie im Kostüm des Klamauks Wahres und Unbequemes über die Weltwirtschaft verkünden. Sie sprechen auch tiefe Wahrheit über das Leben an sich aus.

Das eigentliche Thema dieser traurigen Clowns dürfte nicht der Untergang unseres Wirtschafts- und Finanzsystems sein, sondern der Tod.

Vielleicht ist das Gerede über den ultimativen Crash, über den großen Knall in Wahrheit die heutige Einkleidung, diskret über das Tabuthema Tod zu sprechen. Alles muss irgendwann enden. Nicht nur Papiergeld strebt über die Zeit seinem eigenen materiellen Gegenwert von nahe Null entgegen. Auch unser körperliches Dasein.

Dazu passt die Obsession der Crashclowns mit der Verschuldung. Freud stellte fest, jeder Mensch schulde der Natur einen Toten, nämlich sich selbst. Sind in unserem zahlenverliebten Zeitalter aus diesem Toten die Billionen von Zellen geworden, aus denen wir bestehen und die wir der Natur schuldig bleiben, bis wir am Tag unseres Todes mit Rückzahlung beginnen, Die Schuld tilgen?

Das würde erklären, warum dies Worte der Crashclowns so aufwühlen. Das Unbehagen darüber, ein säumiger Schuldner der Natur zu sein, würde dann rhetorisch in das Unbehagen überführt, dass "die Staaten der Welt" so sehr auf Pump leben. Vor allem die westlichen Gesellschaften mit ihrem vielen Konsum. Und ist Konsum nicht auch eine Sünde an der Umwelt?

Und natürlich wäre es eine besondere Kränkung, wenn "die anderen" (Staaten) nicht nur mehr auf Pump leben als man selbst, sondern damit auch noch durchkommen.
Wenn ich meine Schuld zurückzahlen muss, dann sollen die anderen erst recht! Und am besten noch vor mir! Sonst bin ich doch der Betrogene!

Die Crashpropheten haben zuweilen gute Argumente, und sie sprechen zum Teil ernste ökonomische Probleme an. Doch sie sind damit nicht allein. Das tun auch Politiker und Wissenschaftler. Ihren Star- und Guru-Status gewinnen die Crashpropheten dadurch, dass sie uns die heutige Form des Mahners sind, der uns auf subtile Weise daran erinnert, dass alles vergänglich ist.

Das Reden über den Crash als das gesellschaftlich akzeptierte Reden über das Ende? Eine moderne Form von Parusie? Es würde zu einer Gesellschaft passen, die sich über materiellen Wohlstand definiert, zunehmend weniger religiös ist und den Tod als Tabuthema behandelt.

Nicht zuletzt würde es zu einer Gesellschaft passen, die altert und deren verständliches Bedürfnis, in psychologisch akzeptabler Form über das nahende Ende zu sprechen, im Lauf der Jahre dringlicher wird. Wenn die Mahner dann noch unterhaltsam oder geradezu witzig sind ... umso besser. 

Humor lindert Angst



Dienstag, 18. November 2014

Russland ist nicht die Sowjetunion

Barack Obama irrt, wenn er Russland als Regionalmacht bezeichnet. Denn offensichtlich kann der Kreml Kriegsschiffe vor die Küste Australiens und Bomber an die Grenzen des US-Luftraums entsenden. Eine Regionalmacht wäre dazu kaum in der Lage.

So kontraproduktiv die Demütigung des größten Landes und der zweitgrößten Militärmacht der Erde ist, so unrealistisch erscheint es zugleich, wenn Russland erwartet, auf Augenhöhe mit den Amerikanern oder dem Westen zu sein.

Das Russland von heute ist nicht mehr die Sowjetunion der Fünfziger- und Sechzigerjahre, nicht jener ideologisch-imperiale Koloss, der den westlichen Nationen ökonomisch Paroli bieten konnte. Von den technologischen Leistungen à la Wasserstoffbombe und Sputnik ganz zu schweigen. 

Anders als die UdSSR kann Russland heute zum Beispiel nicht auf ein globales Netzwerk von Anhängern und Helfern zurückgreifen. Sein "Bündnissystem" ist rudimentär.



Das Russland von heute ist nicht die imposante Sowjetunion des Kalten Krieges.
Der Westen vereint eine mehr als 20 mal so große Wirtschaftskraft auf sich
Quelle: IWF World Economic Outlook Oktober 2014


Zweifelsohne hat Moskau Potenzial und Ressourcen, sich in einem neuen Kalten Krieg über viele Jahre zu behaupten. In einer kapitalistischen vernetzten Weltwirtschaft zahlt jedoch selbst ein so riesiges Reich einen Preis dafür, nicht integriert zu sein. Autarkie ist keine Option.

Als atomar bewaffnetes Zwergenreich à la Nordkorea, wie ein Kollege von mir schrieb, wird die frühere Supermacht so schnell nicht enden.

Für die Modernisierung seiner Industrie ist es Russland aber auf Kapital und Know-how aus dem Westen angewiesen. Zusätzlich benötigt es auch Vertrauen in die Zukunft des Landes als Standort.

Boris Jelzin verlangte von Helmut Kohl, dass Russland selbst im Chaos der Neunzigerjahre immer mit Sie angesprochen wird. Jelzin hatte Recht. Die größte Landmacht des Planeten verdient es, respektvoll behandelt zu werden.

Für Frieden und Wohlstand im 21. Jahrhundert können wir nur hoffen, dass Russland auch andere souveräne Nationen mit Sie anredet




Montag, 17. November 2014

Japans Erwerbsbevölkerung im Sturzflug

Im Zweiten Weltkrieg verlor Japan 2,1 Millionen Soldaten durch Kampfhandlungen. Außerdem kamen 1,7 Millionen Zivilisten infolge der Kriegseinwirkungen ums leben. Insgesamt beliefen sich die japanischen Verluste also auf 3,8 Millionen Menschen.

Durch die Alterung ist Japans Arbeitsbevölkerung seit der Jahrtausendwende um acht Millionen zurückgegangen. Seit 2010 beschleunigt sich der Schwund. Rechnerisch sind in diesen vier Jahren also mehr Personen aus dem Erwerbsalter ausgeschieden, als Japaner im Zweiten Weltkrieg fielen.


Japanische Arbeitsbevölkerung in Millionen 1960 bis 2014
Quelle: Bloomberg/OECD

Eine derart rapide Abnahme der Arbeitsbevölkerung kann nicht ohne Folgen für die Wirtschaftskraft bleiben. Japans Krise ist zum nicht geringen Teil demografisch verursacht

Was Arbeit kostet - und was nicht

Hochlohnland Deutschland? Das war einmal. Zumindest im europäischen Vergleich erscheinen die Arbeitskosten in der Bundesrepublik gar nicht mehr so hoch. Nach den neuesten Daten liegen sie nur noch circa acht Prozent über dem Euroland-Durchschnitt. 

In vielen EU-Ländern kostet Arbeit mehr. Überraschend, dass zwischen der Höhe der Löhne und der Höhe der Arbeitslosigkeit kein Zusammenhang feststellbar ist


Quelle: www.welt.de

Aktienblase? Die Dow-Gold-Ratio sagt nein!

"Der Aktienmarkt befindet sich in einer Blase. Da halte ich mich raus." Das höre ich ziemlich oft. An klassischen Bewertungsmaßstäben lässt sich der Euphorieverdacht schwer festmachen. Im Gegenteil: Kriterien wie das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) oder die Dividendenrendite deuten auf eine nicht mehr billige, aber auch nicht eklatant überbewertete Börse hin.

Aktuell werden die 30 Titel des Dow Jones Industrial zum 17-fachen Jahresgewinn gehandelt, die Dividendenrendite beläuft sich im Durchschnitt auf 2,4 Prozent. Das deutet kaum auf Überschwang. Gemessen am guten alten Fed-Modell, das die Preise von Aktien an der Rendite von Staatsanleihen misst, könnte der Dow Jones sogar bei märchenhaften 33.000 Punkten stehen.

Aber, heißt es, die jetzigen Indexstände sind alle aufgebläht, als Folge des vielen Billiggeldes. Erst wenn man den Aktienmarkt in der einzig wahren Währung miss, nämlich Gold, zeigt sich, wie es wirklich um die Börse steht. Wer das tut, erlebt eine Überraschung. Denn die Dow-Gold-Ratio scheint noch im grünen Bereich zu sein.

Die Dow-Gold-Ratio ergibt sich, wenn man den Stand des Börsenbarometers durch den Goldpreis dividiert. Zur Einordnung: Zu den Zeiten der New Economy mussten rechnerisch 40 Unzen Gold für den Dow bezahlt werden. Dann, nach der Pleite von Lehman, in den Jahren 2009 und 2010, waren es eine Zeitlang weniger als zehn Unzen.



Im Mittel der vergangenen 45 Jahre lag das Dow-Gold-Preisverhältnis bei 12,9
Quelle: Bloomberg, eigene Recherche


Heute wird der Dow Jones mit dem 14,8-Fachen Goldpreis bewertet, das liegt rund 15 Prozent über dem langfristigen Schnitt aus fünf Dekaden. Anfang der Siebziger war der US-Leitindex Investoren übrigens 20 Unzen wert. Während der Zweiten Ölkrise mit hohen zweistelligen Inflationsraten 1980 lag die Ratio dagegen kurzzeitig unter zwei.

Heute sagt die Dow-Gold-Ratio, dass der Aktienmarkt nicht mehr billig, aber auch nicht eklatant überbewertet ist. Die Warnung vor der Mutter aller Crashs lässt sich daraus nicht ableiten.
Es sei denn, das Edelmetall befände sich wegen des billigen Geldes ebenfalls in einer Spekulationsblase.

Dann wiederum wäre die ganze Ratio für die Katz. Und Gold wäre auch nicht die ewige Währung.
So weit wollen wir aber nun wirklich nicht denken

Samstag, 15. November 2014

Goldpreis eilt Geldmenge davon

Als ich vor ein paar Jahren anfing, mich intensiver mit dem Zusammenhang von Goldkurs und Papiergeld-Liquidität zu beschäftigen, ging ich fast wie selbstverständlich davon aus, dass die Geldmenge in den USA stärker gestiegen sei als der Preis des gelben Metalls. Ich sollte mich täuschen.

Die offiziellen Zahlen zu den Geldmengenaggregaten, die ich mir besorgte, überraschten mich: Seit dem Ende des Gold-Dollars 1971 verteuerte sich die Feinunze um den Faktor 34 (Stand November 2014), die US-Geldmenge M1 legte hingegen um den Faktor 14 zu, die größere Geldmenge M2 um den Faktor 20. Der Goldpreis eilte der Geldmenge also voraus.


Kurz nach der Trennung von Dollar und Gold im Jahr 1971 eilte der Unzenpreis der Geldmenge davon. Wer zu Nixons Zeiten Gold kaufte, konnte sein eingesetztes Kapital um den Faktor 34 steigern
Quelle: FRED


Heißt das, dass sich Gold bei einem Preis von 1200 Dollar in einer Blase befindet? Nicht unbedingt. Wenn der Edelmetallkurs stärker zugelegt hat als die Geldmenge, kann es dafür mannigfache Gründe geben. Es kann zum Beispiel daher rühren, dass Gold in Form von Schmuck auch ein Luxusgut ist - und die Zahl der Reichen und Superreichen auf der Erde so stark zugenommen hat.

Oder daran, dass sich zusätzlich zum Schmuck-Absatz auch eine Investoren-Nachfrage entwickelt. Dazu kommt noch das Problem, was man als Geld definiert. Genügen dazu M1 oder M2, oder muss man die Billionen Dollar von Derivaten dazuzählen? Und wenn ja, brutto oder netto?

Zwar lässt sich nicht behaupten, dass die Fiat-money-Liquidität stärker steigt als der Gold-Preis. Die Zahlen zeigen aber auch: In einem Papiergeld-Regime scheint Gold langfristig ein gutes Investment zu sein.

Von 35 auf 1200 Dollar, alle Achtung!


Freitag, 14. November 2014

Die Dividendenaristokraten bitten zu Tisch

Im November erlauben die Schätzung schon ganz gute Hinweise auf die Dividendensaison des kommenden Jahres. Es braucht noch ein wenig Fantasie, sich in diesen nebligen Tagen das Frühjahr und den Sommer 2015 vorzustellen. Doch behalten die Prognostiker Recht, werden es sonnige Tage für Aktionäre.

Demnach dürfen sich die Anteilseigner von Allianz mit 5,3 Prozent und Munich Re mit 4,9 Prozent auf die höchsten Dividendenrenditen freuen, gefolgt von BASF und Deutsche Telekom, die beide jeweils 4,1 Prozent abwerfen.

Insgesamt heben 19 von 30 Dax-Konzernen ihre Ausschüttung an, neun lassen sie gleich und nur zwei senken sie ab, nämlich Adidas und E.on. Die größten Steigerungen gibt es bei HeidelbergCement (plus 50 Prozent) und bei Allianz (plus 30 Prozent).








Bayer und Fresenius zählen zu den Dividendenaristokraten im Dax. Auch Henkel hat, was das angeht, blaues Blut
Quelle: Bloomberg
Meine wahren Stars sind jedoch Unternehmen, denen es gelingt, ihre Dividende von Jahr zu Jahr zu steigern. Davon gibt es in Deutschland wenige. Aber ein paar gibt es schon. Geschafft haben es in den letzten zehn Jahren zum Beispiel Fresenius, FMC und Bayer.

Trotz einer Senkung 2010 ebenfalls gut dabei BASF.  Beeindruckend, wenn man sich vorstellt, dass man die Chemie-Aktie Anfang 2004 für knapp über 20 Euro kaufen konnte, und seither zusammen gerechnet 20 Euro an Dividenden eingenommen hat.

Den aktuellen Börsenwert von rund 70 Euro gibt es praktisch gratis obendrauf


Finanz-Institute dekonstruiert

Wir nennen Banken Finanz-Institute oder Bonitätsprüfer Ratingagenturen und rücken sie damit sprachlich in eine Sphäre der Erhabenheit, die ihnen nicht zusteht. Der Versicherungssektor wird zur Assekuranz, was klingt wie altes venezianisches Stadtpatriziat. Es sind Firmen in der Branche der Geldkanalisation. Unternehmen, keine öffentlichen Institutionen oder italienischer Hochadel

"freilich freier als jemals"

Franz Kafka verdanken wir ein paar verstörend schöne Zeilen über die Doppelnatur der menschlichen Freiheit. Es sind die letzten Worten des Kapitels "Das Warten auf Klamm" im Roman "Das Schloß". Darin findet sich K. allein auf dem Hof des Herrenhofs wieder:

"(...) da schien es K. als habe man nun alle Verbindung mit ihm abgebrochen und als sei er nun freilich freier als jemals und könne hier auf dem ihm sonst verbotenen Ort warten solange er wolle und habe sich diese Freiheit erkämpft wie kaum ein anderer es könnte und niemand dürfe ihn anrühren oder vertreiben, ja kaum ansprechen, aber - diese Überzeugung war zumindest ebenso stark - als gäbe es gleichzeitig nichts Sinnloseres, nichts Verzweifelteres als diese Freiheit, dieses Warten, diese Unverletzlichkeit." 


Quelle: Wikipedia

Donnerstag, 13. November 2014

Gold-Absatz so schwach wie zuletzt vor fünf Jahren

Im dritten Quartal 2014 ist die globale Nachfrage nach Gold weiter zurückgegangen. Zwischen Juli und September wurden weltweit nur rund 929 Tonnen des gelben Metalls abgesetzt. Das war die geringste Menge seit dem vierten Quartal 2009.

Am stärksten fiel der Rückgang in China aus, wo die Quartalsnachfrage um 37 Prozent hinter dem Rekordhoch vom vergangenen Jahr zurückblieb. In dem Dreimonatszeitraum verlangte es die Chinesen nach lediglich 183 Tonnen des Edelmetalls.

Allerdings sollte der Rückgang auf globaler Ebene trotz der dramatisch klingenden Überschrift nicht überschätzt werden. So lag der weltweite Gold-Absatz nur zwei Prozent niedriger als im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres.


Im dritten Quartal 2014 war die Goldnachfrage so schwach wie zuletzt im Jahr 2009
Quelle: Commerzbank


Der Nachfrage-Einbruch in China wurde teilweise durch wieder erwachtes Interesse aus Indien ausgeglichen. Auf dem Subkontinent stiegen die Gold-Käufe um 39 Prozent auf 225 Tonnen an. Die indische Schmuckindustrie fragte sogar 60 Prozent mehr nach.


So wichtig ist China inzwischen für den Goldmarkt. Zuletzt stand das Reich der Mitte für gut ein Viertel der privaten Käufe (rechte Skala)
Quelle: World Gold Council


Indien hat damit übrigens die Position des größten Nachfragers von China zurückerobert

Sparquote in Deutschland steigt trotz Niedrigzins

Der vielfach beschworene Untergang der deutschen Sparkultur muss wohl noch ein wenig warten. Die Niedigzinsen provozieren anders als weithin befürchtet keinen Kapitalverzehr: Entsparen durch Verzweiflungskonsum findet in Deutschland nicht statt.

Abschließende Zahlen für 2014 liegen zwar noch nicht vor, aber aus den bisher vorliegenden Daten folgern Ökonomen der DZ Bank, dass unsere Sparquote in diesem Jahr sogar steigen wird. Aller Voraussicht nach werden die Bundesbürger 9,3 Prozent ihres Einkommens auf die hohe Kante legen, nach 9,1 Prozent im vergangenen Jahr.


Die Sparneigung der Deutschen wird kaum vom Zinsniveau beeinflusst
Quelle: Statistisches Bundesamt 1991-2013, DZ Bank 2014-2015 (Schätzungen)


Im internationalen Vergleich gilt die Sparneigung der Deutschen ohnehin als hoch. Die relativ weit reichenden gesetzlichen Absicherungen für die Wechselfälle des Lebens würden eine eher niedrige Sparquote nahelegen.

In gewisser Weise sparen die Bundesbürger zweimal: erzwungenermaßen über Steuern und Abgaben und dann noch einmal privat.

Sollte sich der Trend zu einer steigenden Sparquote bestätigen, wären viele Mahner ein weiteres Mal wiederlegt worden. Als die Notenbanken in der Finanzkrise von 2008/09 zu einer Politik des lockeren Geldes übergingen, warnten viele Ökonomen vor einer bevorstehenden Inflation.

Die ist nicht eingetreten. Nun zeigt sich, dass selbst ein negativer Realzins die Deutschen nicht davon abhält, Geld für schlechte Zeiten zurückzulegen. Offensichtlich haben die Sparer ein anderes Verständnis von rationalem Verhalten als die Mahner mit ihren Modellen oder Theorien.

Sparen ist eben keine Mechanik, sondern Psychologie

Mittwoch, 12. November 2014

Diener zweier Herren

Stimmen die Schweizer am 30. November für die Goldinitiative, haben die Schweizer Notenbanker ein Problem. 

Die Forderungen der Initiative zerstören die Grundlagen der bisherigen Interventionspolitik, die den Kurs der Landeswährung bei 1,20 Franken zum Euro fixiert und die Schweiz de facto zum Mitglied der europäischen Währungsunion gemacht hat. 

Wenn sich der Gold-Anteil an der Notenbankbilanz in den vergangenen Jahren so sehr reduziert hat, rührt das nicht allein von Gold-Verkäufen (die letzten liegen schon sechs Jahre zurück), sondern von der Aufblähung der Bilanz als Folge der "Mindestkurs"-Politik. Durch den Kauf von Wertpapieren, ein Großteil davon Euro-Titel, ist die SNB-Bilanz auf 522 Milliarden Franken angeschwollen


Schon jetzt testen Devisenspekulanten die Bereitschaft der Schweizerischen Nationalbank, den "Mindestkurs" zu verteidigen
Quelle: www.welt.de


Für den Rückgang des Goldanteils waren von 2000 bis 2008 umfangreiche Goldverkäufe der SNB verantwortlich. Seither liegt der Bestand bei 1040 Tonnen. Doch die Bilanzsumme bläht sich immer weiter auf.
Quelle: DZ Bank




Will die SNB den Mindestkurs von 1,20 Franken zum Euro verteidigen, ist es wahrscheinlich, dass sie weiter Euro-Titel kaufen wird. Mit einer angenommenen Goldinitiative bedeutet das, dass die Nationalbanker gleichzeitig ihre Edelmetall-Bestände mit aufstocken müssen - was den Franken potenziell zu einer noch härteren und attraktiveren Währung macht.

Die SNB müsste gleichsam zwei Herren dienen: Der Golddeckung von 20 Prozent und der De-facto-Kopplung der Landeswährung an den Euro zum Kurs von 1,20 Franken.

Die Eidgenossen sind dann in einem ähnlichen Dilemma wie die Notenbanken zur Zeit des Gold-Devisenstandards Ende der Zwanziger-, Anfang der Dreißigerjahre. Edelmetall-Deckung der Geldmenge und feste Wechselkurse mussten unter einen Hut gebracht werden. Auch das Triffin-Dilemma des Bretton-Woods-Systems lässt grüßen.

Theoretisch hat die SNB auch nach einem Ja weitere Optionen: Sie kann den Franken zum Beispiel unattraktiv machen, indem sie Bankeinlagen mit (hohen) Negativzinsen belegt. Oder sie kann Devisenkontrollen einführen. Das würde indessen den Ruf der Schweiz als Bankenstandort schädigen. 

Und mit freien Kapitalmärkten hat das nicht mehr viel zu tun. 

Sie könnte auch eine Aufwertung auf 1,10 Franken oder Parität oder was auch immer zulassen. Das wiederum würde die Glaubwürdigkeit der SNB beschädigen und darüber hinaus die Schweiz als Produktionsstandort schwer belasten. 

Nur eines scheint auf Dauer schwer vorstellbar: Eine 20 Prozent Gold-Deckung plus Mindestkurs von 1,20 plus freier Kapitalverkehr. Zwei Herren mag man dienen können, aber bei dreien wird's schwierig






Dienstag, 11. November 2014

Irrendes Licht

Das Licht der Sonne braucht acht Minuten, um die Erde zu erreichen. 
Vorher ist es in der Sonne Tausende von Jahren umhergeirrt.



Lange unterwegs, ehe es uns erreicht. Das Licht der untergehenden Sonne über dem Potsdamer Platz in Berlin
Foto: Daniel Eckert
Auch innerhalb der Sonne bewegen sich die Photonen mit Lichtgeschwindigkeit. Jedoch entsteht das Licht durch Kernfusion im tiefen Inneren des Sterns. Der Weg von dort bis zur Oberfläche ist voller Hindernisse. Wegen der hohen Dichte der Sonne stößt das einzelne Photon ständig mit anderen Teilchen zusammen. Es wird abgelenkt und irrt über Jahrtausende gleichsam umher, bis das kosmische Zickzack schließlich ein Ende findet und das Photon den freien Weltraum erreicht.

Erst dann kann es sich ungehindert mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten


Kommentar eines Followers bei Twitter:

Photonen haben keine Identität. Und sie werden in der Sonne ständig reabsorbiert, umgewandelt, wieder emitiert. Die Energie des im Kern erzeugten Photons braucht zum Teil tausende Jahre. Aber nur ein Teil.

Deutscher Finanzidealismus

Ungläubiges Staunen. Reklamationen von Lesern, kritische Nachfragen von Kollegen. Aber die Zahl stimmt. Kein Druckfehler. Vierzehn Milliarden. Das ist die Summe, die der deutsche Einlagensicherungsfonds einem beliebigen Kunden der Deutschen Bank garantiert. Auch für andere hier ansässige Geldhäuser betragen die Sicherungsgrenzen im Fall der Bank-Pleite mehrere hundert Millionen oder gar Milliarden Euro. 

Absurde Größenordnungen, wenn man sich vorstellt, dass es in der Bundesrepublik 100 Millionen Bankkonten gibt, aber nur auf drei Prozent davon ein Guthaben von mehr als 100.000 Euro liegt. 

Das Statut des Einlagensicherungsfonds sieht es so vor: 30 Prozent des Eigenkapitals pro Kunde sind sicher. Der Fonds stammt aus einer Zeit, in der die Geldhäuser sehr viel kleiner waren, aus den Siebzigern. Man hat schlicht vergessen, seine Versprechungen an die Realität der globalen Riesenbanken anzupassen. Um ein wenig erdnäher zu werden, soll die Sicherungsgrenze bis 2025 auf 8,75 Prozent abgesenkt werden. 



Nur Bares ist Wahres, wenn ... In einer systemischen Bankenkrise, die mehr als ein Institut zu Fall bringt,
sollte niemand auf den Einlagensicherungsfonds der Banken hoffen
Foto: Daniel Eckert


Heute sind die exorbitanten Garantien den Banken offenbar peinlich. Die Deutsche nennt auf Nachfrage nicht einmal die Zahl ihrer Privatkunden in Deutschland. Noch zugeknöpfter werden die Banken, wenn es Volumen des Fonds geht. Keine offizielle Auskunft. Dem Vernehmen nach sollen es fünf oder sechs Milliarden sein, insgesamt. Doch nichts Genaues sagt man nicht. 

Ich muss schmunzeln und denke mir: Eine Einlagensicherung, die dem einzelnen Kunden bis zu 14 Milliarden Euro garantiert, kann wohl nur im Mutterland des Idealismus ersonnen werden

Montag, 10. November 2014

Schweiz - Heimliches Mitglied der Eurozone

Vor einiger Zeit wies ich an dieser Stelle darauf hin, dass die EZB unter Mario Draghi weniger Geld "gedruckt" hat als andere große Notenbanken. Eine Sache habe ich dabei unterschlagen, etwas fast schon Pikantes: Draghi kann sich diese Zurückhaltung vermutlich nur deshalb leisten, weil er eine heimliche Helferin hat.

Die Eurozone hat ein inoffizielles Mitglied und die EZB eine inoffizielle Außenstelle, die den Job des Gelddruckens zum Gutteil übernimmt.

Die Rede ist von der Schweiz und der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Wo sich Frankfurt in Zurückhaltung übt, langt Bern umso kräftiger zu. Die SNB "druckt Geld" und pumpt es in die Märkte. Keine andere Zentralbank hat in den vergangenen Jahren so viele Euro-Papiere gekauft und ihre Bilanzsumme damit auf eine solche Größe aufgebläht wie die SNB.

Das Ganze mit dem Ziel, den Wechselkurs bei ungefähr 1,20 Franken zum Euro zu fixieren. Das ist gut für die eidgenössische Industrie, der eine noch stärkere Heimatwährung weh tun würde. Zugleich ist die Schweiz damit aber de facto Teil der Währungsunion geworden.

Um den "Mindestkurs" zu verteidigen, also die Gemeinschaftswährung auf dem Niveau von 1,20 Franken zu halten, müssen die Eidgenossen Euro-Schuldtitel für zig Milliarden kaufen.

Diese Wertpapierkäufe haben die SNB-Bilanzsumme auf aktuell 522 Milliarden Franken anwachsen lassen. Das entspricht mehr als 80 Prozent der schweizerischen Wirtschaftsleistung. Mit einer so monströsen Bilanz liegt die SNB weit vor anderen Notenbanken. Zum Vergleich: Die Federal Reserve bringt es auf den Gegenwert von nur 27 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts.


Seit dem Jahr 2007 hat die SNB ihre Bilanzsumme durch Markteingriffe verfünffacht.
Rund 45 Prozent der Aktiva entfallen auf Euro-Papiere
Quelle: Bloomberg


An und für sich ist gegen eine solche Amtshilfe unter Notenbanken nichts zu sagen. In dem Fall ist sie deshalb pikant, weil sich viele Schweizer gern als das "andere Europa" sehen, das vieles besser macht als die Währungsunion. Derweil liegt die Schweiz nicht nur geografisch mitten in der Eurozone


"Das größer gewordene Deutschland"

Das größer gewordene Deutschland. So lautet seit der Wiedervereinigung eine Standardformulierung von Politikern und Medienleuten, um den Bürgern mehr internationales Engagement schmackhaft zu machen.

In mancher Hinsicht mag Deutschland tatsächlich wichtiger geworden sein. Doch wirtschaftlich hat die Bedeutung der Bundesrepublik seit 1990 im weltweiten Maßstab klar abgenommen.


Quelle: IWF World Economic Outlook Oktober 2014


Betrug Deutschlands Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung Anfang der Neunzigerjahre noch gut acht Prozent, so sind es jetzt nur noch rund fünf Prozent. Und es geht weiter nach unten.


Quelle: IWF World Economic Outlook Oktober 2014

Zur gleichen Zeit hat das boomende China seinen Beitrag zur weltweiten Wertschöpfung nahezu verfünffacht. Aber auch die Supermacht USA konnte sich ökonomisch behaupten. Ihr Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt betrug 1980 rund 26 Prozent und liegt heute bei 23 Prozent nur unwesentlich niedriger.

Das "größer gewordene Deutschland" ist im globalen Maßstab also wirtschaftlich eher kleiner geworden.

Was meiner Meinung nach sehr dafür spricht, auf dem Teppich zu bleiben

Sonntag, 9. November 2014

Rittertum, Lebensform der Freiheit

"Freiheit war es wirklich, was der Ritter verkörperte. Freiheit ist geradezu sein Markenzeichen. Einmal nicht dieses Zusammenarbeiten, diese Abhängigkeit von den anderen, das Warten auf Zustimmung. Es ist nicht der Glanz der Rüstung, nicht das Schwert oder die Lanze und auch nicht das Pferd, das so fasziniert. Es ist die Lebensform. Kaum jemals in der Geschichte hat die Freiheit sich eine so attraktive Form gegeben. Der Ritter reitet nicht einfach, sondern er reitet, wohin er will. Er fragt nicht, ob er das Schwert gebrauchen darf, sondern gebraucht es. Er achtet nicht auf Gewinn, sondern verschleudert, was er hat bzw. sich zusammenraubt. (...) Der Ritter ist die archaische Version des modernen Menschen, frei, aber ohne die Kosten der Selbstbestimmung, wenn man diese mit den anderen teilen muss."

Aus: Karl-Heinz Göttert. Die Ritter. Stuttgart 2011: Philipp Reclam jun. pp. 13-14

Selfie auf der Bornholmer Brücke

Heute auf der Bornholmer Brücke in Berlin. Wo vor 25 Jahre die Grenze zwischen Ost und West fiel - Hunderte Menschen. Man unterhält sich in gedämpftem Ton. Respektvoll. Fast ehrfürchtig. Erinnerungsfotos werden Fotos gemacht.

Als würden die Besucher, Berliner wie Touristen, eine Kathedrale besichtigen. Tatsächlich erinnert die offene Stahlkonstruktion der Brücke an das offene Gewölbe eines Doms. Eine lichte Kathedrale der Freiheit, muss ich denken.


Lichte Kathedrale der Freiheit: Die Bornholmer Brücke 25 Jahre nach der Öffnung der Grenze
Foto: Daniel Eckert


Was ehren wir am 9. November? Vor allem anderen ist der Tag ein Fest der Freiheit. Im Herbst 1989 endete ein Regime der Unterdrückung, eine Diktatur stürzte. Und mit der DDR sollte sich auch das sowjetische Imperium auflösen, das ein Reich der Herrschaft durch Gewalt und der Androhung von Gewalt war.

Es wäre eine Verzerrung der Geschichte, den November 1989 als einen nationalen Freiheitskampf zu glorifizieren, wobei nationale Befreiung in anderen Staaten des Ostblocks damals ein entscheidender Beweggrund gewesen sein mag. Das Joch der Fremdherrschaft abschütteln. Selbstbehauptung als Volk. Selbstbestimmung als Volk. Bis heute ist das in Osteuropa ein Movens.


Zum Jubiläum markieren Ballons den früheren Verlauf der Mauer
Foto: Daniel Eckert
In Deutschland hat das Nationale jedoch nach der Wende keinen Eingang in die politische Kultur oder das politische Geschehen gefunden. Die Feiern zu Einheit finden ohne jedes nationale Pathos statt. Diese "deutsche Einheit" klingt nie nach "Gemeinsam sind wir stark" oder gar nach "Gemeinsam sind wir unschlagbar".

Die Friedliche Revolution von 1989 hat in Deutschland auch keinen Kult der Freiheit im Sinne des klassischen Liberalismus hervorgebracht. Wie Umfragen, aber auch persönliche Gespräche immer wieder bestätigen, ist Freiheit nur für einen kleinen Teil der Deutschen Leitstern ihres Lebens.



Für die Mehrheit der Bürger stehen (soziale) Gerechtigkeit und Sicherheit mindestens gleichrangig neben Liberalität. Eben dieses Versprechen auf Wohlstand konnte die DDR in den Achtzigerjahren nicht mehr halten, zu augenfällig wurde der Rückstand auf den Westen. Die heruntergekommenen Innenstädte, der Mangel als Dauerzustand. Auch dies ein Grund für die Revolution von 1989. Der Sozialismus lieferte nicht, was er versprach.


Früher getrennt, heute geeint. Der Schwedter Steg verbindet
nun die Stadtteile Prenzlauer Berg (Ost) und Wedding (West)
Foto: Daniel Eckert
Aber da war noch mehr: Die Demonstrationen, die im 9. November 1989 kulminierten, richteten sich gegen Wahlfälschung, gegen mediale Manipulation und gegen eine Regierung, die sich nicht an die eigenen Gesetze hielt. Die Proteste von 1989 waren ganz klar ein Kampf für das Recht.

Doch Kampf setzt auch Mut voraus. Denn der Einsatz war hoch. Das Jahr 1989 ist das Jahr des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens. In Peking hatte es Hunderte Toten gegeben. Wer in Leipzig oder Berlin oder anderen Städten der DDR für das Recht auf die Straße ging, musste damit rechnen, dass er auf der kalten grausamen Straße enden würde.

Gemeinsam überwanden die Revolutionäre von 1989 jene Angst, die immer die stärkste Waffe der Gewaltherrscher ist. Den Kirchen und dem Christentum kommt daran kein geringes Verdient zu.


Die Friedliche Revolution von 1989 hat die Deutschen nicht zu leidenschaftlichen Freiheitsfreunden gemacht, aber auch nicht zu nationalistischen Heißspornen
Foto: Daniel Eckert

Der 9. November ist ein Feiertag der Einheit, der Freiheit und des Rechts. Wir verneigen uns vor dem Mut jener Menschen, die sich nicht mehr mit dem Unrecht abfinden wollten. Sie gemahnen uns daran, dass wir, als Bürger, immer etwas ändern können.

Solange wir das beherzigen und noch etwas von dem Mut der Revolutionäre in uns ist, wird mir um die Freiheit in Deutschland nicht bange




Samstag, 8. November 2014

Verführungskunst der nackten Zahlen

Eins meiner Lieblingsbeispiele für verführerische Metaphern lautet: "Die nackten Zahlen sprechen lassen". Nichts gegen die Überzeugungskraft von Fakten und Ziffern, aber wenn man ehrlich ist, und das auch zu sich selbst, kommen Zahlen nicht unbekleidet daher.

Das Outfit, in der der Leser sie kennen lernt, ist der Kontext, in den der Autor sie gehüllt hat. Es ist legitim, ausgewählte Zahlen zur Bekräftigung einer These oder eines Appells heranzuziehen, und im Idealfall passt der umliegendenText den Zahlen wie ein maßgeschneidertes Kleid, das kaum noch als solches wahrzunehmen ist.

Nur sollte kein Autor behaupten, die nackten Zahlen sprechen zu lassen - und kein Leser sollte sich von der Rhetorik der nackten Zahlen blenden und verführen lassen. Zahlen sind nie nackt

Frankreich Superstar

Diese Woche hatte die hiesige Klickería wieder was zu lachen: François Hollande legte einen ziemlich verunglückten Fernsehauftritt im Staatssender TF1 hin. Was für einen Stoffel Frankreich als Präsident hat, klopfte sich Klicka-Deutschland prustend auf die Maustasten. 

Dabei hat der französische Staatschef bei TF1 etwas Wichtiges gesagt: Die "große Nation" Frankreich hält den Anspruch aufrecht, europäische Führungsmacht zu sein. Noch etwas Entscheidendes sagte Hollande: Frankreich wird in wenigen Jahrzehnten mehr Einwohner haben als Deutschland. 

Schon jetzt ist der Trend unverkennbar: 



Bevölkerun
g von Frankreich und Deutschland 1980-2019
Quelle: IWF World Economic Outlook Oktober 2014

Seit den Achtzigerjahren hat sich der Bevölkerungsabstand bereits von 24 auf 17 Millionen Menschen reduziert. Und Frankreich hat es als einzige große Volkswirtschaft in Westeuropa geschafft, seine Geburtenrate merklich zu steigern. 

Für die Machtbalance in Europa und das künftige Schicksal der EU ist das durchaus wichtiger, als ob Frankreich im Moment einen selbstverliebten Brillenträger mit kompliziertem Liebesleben als Staatschef hat

Freitag, 7. November 2014

Wir Kafkapitalisten

Es ist ein kurioser Kapitalismus, den die Deutschen praktizieren. Sie haben ein paar der besten Firmen der Welt hervorgebracht und beglücken den Weltmarkt mit ihren hochwertigen, soliden Produkten. Aber sie selbst macht er nicht glücklich.

Deutsche Waren sind gefragter denn je, wie die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen: Im September hat Deutschland einen Rekord bei den Ausfuhren aufgestellt: Die Bundesbürger verkauften Güter im Wert von 102,5 Milliarden Euro ins Ausland - so viel wie nie zuvor in einem Monat.

Die Deutschen exportieren, und sie beliefern die globalen Märkte oder arbeiten doch zumindest in Behörden, die die Infrastruktur für all das zur Verfügung stellen. Doch kaum haben sie ihren PC ausgeschaltet, wollen sie mit Märkten nicht mehr viel zu tun haben. Nimmt man ihren Umgang mit Geld als Indiz für Mentalität, wünscht sich ein Großteil der Bürger vor allem eins:

Ruhe und Rentier sein.

Der Rentier hat seinen Namen daher, dass er die sichere Rente über Zinsen oder Mieteinnahmen dem unsicheren unternehmerischen Engagement vorzieht. Ein geringes, aber regelmäßiges Einkommen ist ihm lieber als ein potenziell hoher, aber ungewisser Ertrag. Das kann sinnvoll sein. Dennoch ist es verwunderlich, wie marktfern eine Nation ist, die am Markt solche Erfolge feiert.



Quelle: Steinbeis-Hochschule

Der Nichtkapitalismus der Deutschen treibt kuriose Blüten. Denn natürlich brauchen ihre großartigen Firmen Kapital für ihre Expansion. Das bekommen sie auch, nur eben nicht aus der Heimat. Jenseits der Grenzen ist man bereit, in den Dax zu investieren. Rechnerisch gehören die 30 größten deutschen Börsenunternehmen zu fast zwei Dritteln ausländischen Eigentümern, die damit übrigens meist gute Rendite machen.

Das hat paradoxe Folgen: Während die (tendenziell steigenden) Erträge der deutschen Konzerne ins Ausland fließen, legen die deutschen Arbeitnehmer ihre Überschüsse zum überwältigenden Teil in Zinsprodukten an, die immer weniger abwerfen. Die Deutschen werden so zu Fremdkapitalgebern, mit riesigen Forderungen gegenüber Banken und Versicherungen.

Theoretisch könnten die Kapitalsammelstellen, das ihnen anvertraute Geld der Rentiers wiederum in Unternehmen investieren. Das wird ihnen durch Regulierung aber zunehmend erschwert.

Und hier wird es endgültig kafkaesk: Denn die Deutschen haben in den vergangenen Jahrzehnten zugelassen, dass ihre Reallohnentwicklung hinter der anderer Völker zurückgeblieben ist. Diese "Effizienzsteigerungen" und "Rationalisierungen" ermöglichen den Firmen Rekordgewinne.

Statt ihren Anteil an steigenden Gewinnen über Aktien und andere Beteiligungsformen einzufordern, bringen die Bundesbürger ihre Ersparnisse zur Bank, wo die niedrig- bis unverzinst vor sich hin gammeln. Denkt man das weiter, bedeutet das: Die Deutschen müssen künftig noch mehr arbeiten, um gleich viel zu verdienen, um am Ende weniger Zinsen und Rente zu beziehen. Wahrlich kafkapitalistisch!

Der Kafkapitalismus der Deutschen kennt kein Happy-End. Entweder wird das viele Geld am Ende Blasen nähren, zum Beispiel an den Immobilienmärkten, und seine Kaufkraft wird beim Platzen der Blasen vernichtet, oder es wird höheren Vermögenssteuern unterworfen, und die Kaufkraft wird ebenfalls dezimiert.

Zunächst einmal aber heißt es noch mehr strampeln und trampeln, für ein Gefühl der Sicherheit, das immer schwerer zu erreichen sein wird.

Moral: Wenn jeder ein Rentier sein will, wird aus dem Volk eine Herde von Rentieren