Mittwoch, 22. Oktober 2014

Verheißung Bitcoin

Vor knapp einem Jahr schrieb ich in der "Welt": Bitcoins sind eine Wette auf alles oder nichts. Bisher hat sich keines der beiden Extremszenarien eingestellt. Der Preis der digitalen Währung ist weder auf 10.000 Euro explodiert, noch auf 0,01 Euro abgestürzt. Ich liebe diese Fähigkeit der Märkte, Prognosen in den Wind zu schlagen!

Kurz nachdem meine Kolumne erschien, haben sich Bitcoins zunächst auf über 800 Euro verteuert, Seither ging es in Wellenbewegungen abwärts. Doch die Verluste sind bisher keineswegs so katastrophal, wie jene prophezeit hatten, die den Bitcoin für eine völlig überflüssige technische Spielerei oder gar Spinnerei halten. Vom "Segway der Währungswelt" die Rede, oder von der Tulpenmanie des 21. Jahrhunderts, die in Tränen enden werde.

Die starken Kursschwankungen sind Realität. Doch ein totaler Kollaps des Bitcoin hat nicht stattgefunden, und das obwohl EZB, Bundesbank und staatliche Finanzaufsicht hätten kaum eindringlicher warnen können. Wer aber kauft und verhindert mit seinen Käufen einen Absturz der Notierungen?



Mein persönlicher Eindruck: Der große Durchbruch des Bitcoin als Zahlungsmittel ist zumindest in Deutschland bisher ausgeblieben. Aus dem Ausland gibt es teils anders lautende Berichte. Coinbase und BitPay führen 75.000 Akzeptanzstellen an, zehnmal so viel wie vor einem Jahr.

Die Zahlungsmittelfunktion mag eine wachsende Rolle spielen. Doch zumindest hierzulande scheinen die digitalen Münzen eher der Spekulation als dem Konsum zu dienen.

Es mag nur ein Zufall sein, dass die digitale Währung vom Hoch genauso viel verloren hat wie Silber. Bitcoins wie Silber notieren heute knapp zwei Drittel niedriger als in ihrer jeweiligen Euphorie. Doch abgesehen von dieser oberflächlichen Parallele haben beide Investments noch eine andere Gemeinsamkeit: Sie sind eine subversive Form von Geld, unabhängig vom staatlich kontrollierten Finanzsystem.

Niemand zahlt mit Silber, und kaum jemand zahlt mit Bitcoin. Aber dennoch haben beide eine Fangemeinde. Eine genügend große Zahl von Menschen ist der Überzeugung, dass es einer Alternative zu Euro, Dollar und anderen Papiergeld-Spielarten bedarf. Diese Alternative verheißt für sie Unabhängigkeit von "fiat money". Für diese Verheißung sind sie bereit, beträchtliche Kursschwankungen in Kauf zu nehmen.

Ebenso wie Silber-Investoren müssen auch Silber-Fans leidensfähig sein. Ich bin mir aber sicher, dass beide nicht verschwinden werden. Denn unser Geldsystem ist weit vom Zustand der Vollkommenheit entfernt, und es gibt gute Gründe, eine Alternative zu suchen

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